Fliegen lernen

Damn it, I can fly!

Wer würde nicht gern fliegen können? Ikarus hat’s vorgemacht – mehr oder weniger erfolgreich, zugegeben –, Felix Baumgartner hat vor nicht allzu langer Zeit einen etwas fortschrittlicheren Versuch unternommen. Nicht die Person, sondern die eigene Persönlichkeit fliegen zu lassen entpuppt sich hingegen oft als deutlich größere Herausforderung. Start-Verweigerung wegen Übergepäck. Also Koffer auf und umpacken. Denn Zweifel wiegen einfach zu viel.

Wie muss ich innerlich aufgestellt sein, um meine eigenen Wege zu gehen? Wie gehe ich mit Leuten tun, deren Meinung mich und meine Ideen aus der Luft holen? Antworten auf diese und weitere Fragen hat Roger Le Beherec. Roger ist Diplom-Psychologe mit eigener Praxis in Hamburg und gründet ganz nebenbei ein eigenes Mode-Label.

Roger, wir würden mit unseren Träumen und Ideen alle gern abheben. Was können wir denn tun, damit uns schnellstmöglich Flügel wachsen? Welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein?

Erstmal muss ich mir bewusst machen, dass es gewisse Muster in meinem Leben gibt, die mich unzufrieden machen, deprimieren oder gar in meiner Entwicklung lähmen. Unzufriedenheit oder Gefühle von Stagnation sind wichtige Signale, die mir sagen, dass ich etwas in meinem Leben verändern muss.

Im nächsten Schritt ist es wichtig, sich einen Überblick darüber zu schaffen, was ich ändern will. Dabei ist es sinnvoll, in einer kleinen Liste zu skizzieren, wie mein eigener Weg künftig aussehen soll und wie ich die Sache anpacken will – eine Zielvereinbarung mit mir selber sozusagen. Ein paar beispielhafte Fragen sind:

✓ Was will ich nun tun bzw. erreichen (wenn ich gerade gekündigt habe bzw. vorhabe zu kündigen)?
✓ Wie will ich meine Ziele erreichen?
✓ Was bin ich bereit zu geben und auch aufzugeben, um dieses Ziele tatsächlich zu erreichen?
✓ Wie sieht mein Leben aus, wenn ich das Ziel erreicht habe? Was wird anders sein als früher?

Auf diese konkreten Fragen an sich selbst eine Antwort zu finden ist äußerst nützlich, denn allein die Antworten geben dem eigenen Weg schon eine Richtung vor.

Was mache ich wenn der Weg sich als steinig erweist und es viele Rückschläge gibt?

Am wichtigsten ist erst einmal zu akzeptieren, dass es Rückschläge gibt und geben kann. Man sollte Rückschläge also nicht verteufeln, sondern bewusst mit ihnen rechnen und sie annehmen. Annehmen heißt jedoch nicht resignieren. Es ist wichtig zu hinterfragen, was an diesen Rückschlägen gut sein kann und was sie über die eigene Arbeit sagen. In diesem Zusammenhang kann auch eine konkrete Rückschlaganalyse Sinn machen. Wo habe ich etwas vergessen? Was habe ich nicht genau genug betrachtet? Wo habe ich nicht richtig aufgepasst? War meine Entscheidung in bestimmten Bereichen falsch oder war meine Strategie bzw. mein Konzept noch nicht reif genug?

Bei Rückschlägen ist es auch wichtig, sich den Kopf frei zu machen. Gespräche mit guten Freunden führen, ins Kino gehen, ein Konzert oder Theater besuchen, Sport machen – all diese Dinge können helfen, später mit klareren Gedanken weiter zu machen.

Wie gehe ich mit all denen um, die mir weismachen wollen, dass das „so nicht funktioniert“?

Das kennt eigentlich fast jeder: Wenn man eine Idee hat oder ein Projekt startet und man mit Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten darüber spricht, dann entsteht fast immer folgendes Phänomen: alle anderen wissen es eigentlich immer besser. Das kann anstrengend bis nervig sein. In solchen Fällen darf und sollte man sich ruhig auf eine ironisch-freundlliche Art und Weise abgrenzen: „Mensch, da Du so viel Erfahrung hast, kannst Du ja meine Idee umsetzen!“ oder „Hast du etwa schon ein Startup gegründet und dich selbstständig gemacht?“ sind durchaus legitime Rückfragen. Aber natürlich gibt es auch immer sehr viele kompetente Menschen, die bereit sind, auf Basis ihrer eigenen Berufserfahrungen relevante Tipps zu geben bzw. zu helfen.  Solche Gespräche sind wichtig, anregend und man sollte sie unbedingt wahrnehmen. Man muss dann natürlich für sich selber differenzieren und schauen, was man an Ratschlägen gern annehmen möchte.

Es ist vor allem enorm wichtig, sich klarzumachen, dass der Glaube an die eigene Idee zum Gründer-Geist dazu gehört und die Basis für unser Handeln als Unternehmer ist. Das kann uns nun mal niemand abnehmen. Zur Idee ein ausgefeiltes Konzept oder einen Businessplan zu erarbeiten stärkt den Glauben daran enorm. Je mehr und je intensiver man am eigenen Konzept arbeitet, desto mehr verfestigt sich der Glaube daran, dass die Idee funktioniert und dass der Erfolg kommt. Und wenn nicht, dann weiß man mit Sicherheit, daß die Idee nicht substantiell genug war und man sich nach neuen Träumen umschauen muss. Günter Faltin hat das in seinem Buch „Kopf schlägt Kapital“ wunderbar auf den Punkt gebracht: Idee ist gut, Konzept ist besser!

Was bedeuten Resilienz und intrinsische Motivation und welche Relevanz haben sie für mich und meinen Weg?

In der Psychologie meint Resilienz psychische Widerstandsfähigkeit und emotionale Stabilität. Dies bedeutet, dass resiliente Menschen mit Krisen, Belastungen und Stress gut umgehen können. Sie bewältigen Krisen ohne große Blessuren und langfristige Abstürze. Und sie stehen wieder auf. Sie verfügen über ein gutes Selbstvertrauen bzw. Urvertrauen sowie eine hohe Flexibilität, die ihnen erlaubt sich an kritische und neue Situationen gut anzupassen.

Intrinsische Motivation ist eine vom Selbst und von innen kommende Motivation, z.B. durch Ideale, Überzeugungen, Neugier, den Glauben an die eigene Idee und das Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln. Die Herstellung von Produkten, die umweltfreundlich und nachhaltig produziert sind, weil das einen signifikanten Nutzen für die Umwelt und Gesellschaft hat oder ein Künstler, der seine Kunst macht, sind meist intrinsisch motiviert. Extrinsische Motivation hingegen ist oft von äußeren Reizen und von Belohnung geleitet, das berühmte „Arbeiten um Geld zu verdienen“.

Resilienz und intrinsische Motivation sind besonders wichtig für Menschen, die den Weg in die Selbstständigkeit oder Freiberuflichkeit wählen. Denn man braucht einen langen Atem, Ausdauer, Disziplin und starke innere Motivation, um zu gründen und um schwierige Zeiten durchzustehen.

Samuel Beckett sagte: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Siehst du das auch so?

Das tue ich. Ich finde, wir sollten uns ein Beispiel an den Clowns nehmen. Clowns beherrschen die Kunst des Scheiterns. Deswegen lieben wir sie, weil sie aus dem „Scheitern“ eine befreiende Komik erzeugen. Mehr noch, meist identifizieren wir uns mit ihren Unzulänglichkeiten, Tolpatschigkeiten, Fehlern, ihrem Versagen. Und wir haben Spaß daran, weil wir uns in den Clowns wieder erkennen. Aus der Distanz ist es nämlich viel leichter über solche Unzulänglichkeiten zu lachen.

Ich erinnere mich auch an eine Schlusszene in dem Film „Alexis Sorbas“, bei der ein ganzes Dorf bei der Einweihung eines Bewässerungskanal aus Holz und  Holzpfeilern stand und voller Erwartung auf das Kunstwerk schaute. Als dann die Wasserschleuse geöffnet wurde und das Wasser durch den Holzkanal floss, war der Druck so stark und die Statik so schwach, dass diese mühsam aufgebaute Holzkonstruktion einfach zusammenkrachte. Betretene und versteinerte Gesichter. Nur Sorbas lächelte breit und sagte: „Mensch, hast du schon mal ein so wunderschönes Werk so grandios zusammenkrachen sehen?“ Befreiendes Lachen im Publikum. Was ich damit sagen will? Es ist enorm wichtig, sich immer eine gewisse ironische Distanz auch zur eigenen Idee zu wahren.

Und so wie Rückschläge kann auch das Scheitern verschiedene Ursachen haben. Sich auf die Suche nach den Fehlerquellen, die zum Scheitern geführt haben, zu begeben ist eine Sache der Analyse. Daraus gestärkt hervorzutreten ist eine ganz andere. Dazu braucht der Mensch eine resiliente Konstitution und eine Prise Humor. Humor und Lachen waren immer ein gutes Mittel um schwierige Situationen zu bewältigen, sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten.

Das Scheitern selbst sollten wir als menschliche Erfahrung betrachten, die uns weiter bringt. Sich auch hier zu fragen, was das Gute am Schlechten ist, bedeutet die Herausforderung des Scheiterns anzunehmen. Die Welt geht nicht unter, wenn man hier oder dort „scheitert“. Es bedeutet nur, dass der Weg, den ich eingeschlagen habe, möglicherweise nicht der richtige Weg war.

Und dann bin ich frei andere, erfolgsversprechendere Wege zu gehen. Letztlich kann eine solche Erfahrung  meinen Willen und meinen Charakter enorm stärken. Ein weiteres Beispiel: Als junger Regisseur hat Martin Scorsese das Drehbuch „Taxi Driver“ geschrieben und ist von einem Produzenten zum anderen durch die ganzen USA gereist, um Geld für sein Filmprojekt aufzutreiben. Leider interessierte sich keiner auch nur im Geringsten für das Drehbuch. Erst nach 5 Jahren fand er einen Filmproduzenten, der ihm 250.000 Dollar (eine wirklich lächerliche Summe für einen abendfüllenden Spielfilm) gab – eigentlich mehr aus Mitleid als aus Überzeugung. Letztendlich begann Martin Scorsese „Taxi Driver“ mit diesem bescheidenen Budget zu drehen. Nach etlichen Schwierigkeiten und Rückschlägen wurde der Film fertig gestellt. In Cannes gewann er die Goldene Palme, wurde zum erfolgreichsten Film Scorseses – und der zu einem der wichtigsten Regisseure Hollywoods.

Von solchen Geschichten gibt es unzählige. Das Fazit also: Hartnäckigkeit, Ausdauer, Kampfgeist und Glaube an die eigene Idee versetzen Bergen. Sie sind gut für das Selbstwertgefühl, stiften Identität, stärken den Charakter und man kommt sich dabei ein großes Stück näher.

Sind Menschen, die den Mut haben, ihre eigenen Träume zu leben und dafür zu kämpfen, grundsätzlich glücklicher als andere?

Ja, in der Tat. Menschen, die ihre Leidenschaften – und sich selbst – verwirklichen sind meist sinnerfüllter und glücklicher. Glück zum Nulltarif schmeckt eben fade und ist wertlos. Daher, liebe Birds, breitet die Schwingen aus!