Kulturkuriere

Janna – Ein Abschluss zum Anfang

Als Kids glaubten wir alles sein zu können, was wir uns erträumen konnten: lässige Typen wie Knight Rider, Jet-Piloten wie Tom Cruise in Top Gun, Feen und Prinzessinnen. Dann landeten wir auf dem kalten Boden der Tatsachen: „The Hoff“ ist echt ganz schön uncool, Tom Cruise in einer Sekte und spätestens seit es Reality Shows gibt, wissen wir, dass auch Prinzessinnen mal den Stall ausmisten müssen. Anyway. Reality Check. Träume mit ein bisschen mehr Substanz mussten her. Dabei wurde schnell klar: für die reifen, die erwachsenen Träume, braucht es in der Regel so etwas wie einen Schulabschluss. Einen Abschluss, den längst nicht jeder bekommt. Denn die Annahme, dass Deutschland aus gleichen Chancen und Perspektiven für alle besteht, ist noch immer ein schönes Märchen wie die Träume unserer Kindheit. Janna Hilger und ihre Kollegen vom Verein SchlauFox setzten mit ihrem Konzept genau an dieser Stelle an. SchlauFox will u.a. Bildungschancen für Jugendliche verbessern, deren Hauptschulabschluss in Hamburg auf der Kippe steht – denn jährlich verlassen hier rund  500 Schüler die Schule ohne einen solchen.

Bildung in Hamburg – Jedem einen Abschluss

Bildschirmfoto 2015-07-15 um 12.53.38„Das Problem der meisten Konzepte ist, dass Hilfe erst einsetzt, wenn die Kids schon kurz vor dem Schulabbruch stehen“ erzählt Janna, „Das wollen wir ändern, indem wir Jugendlichen unterstützen bevor sie aus dem System fallen können“, erklärt sie. Daher haben die Gründer von SchlauFox das Projekt JEA! – Jedem einen Abschluss – ins Leben gerufen. 120 Ehrenamtliche Mitarbeiter, fast alle Studenten, werden zu Coaches für Kinder ausgebildet, denen das Lernen aus sozialen oder psychologischen Gründen nicht gut von der Hand geht und begleiten sie zwei Jahre lang individuell zum Ziel Hauptschulabschluss. Die Studenten sind bewusst aus allen Studienrichtungen gewählt, damit die Kids gezielt Wissen solcher Fachgebiete lernen können.

Dass für eine solche Initiative nicht nur der Boden da ist, sondern eine echte Notwendigkeit besteht, zeigen Statistiken. Neben den Folgen wie höherer Gewaltbereitschaft, die durch die Perspektivlosigkeit eines Lebens ohne Schulabschluss entstehen können, hat das mögliche Ausscheiden aus dem System auch ökonomische Folgen für die Stadt: rutscht ein Jugendlicher in die Langzeitarbeitslosigkeit ab, kostet das Hamburg rund 18.000 Euro pro Jahr. Bei 500 Jugendlichen ohne Abschluss – gut, dass wir rechnen können – sind das rund 9 Millionen Euro im Jahr.

Schon während ihres Studium der Politikwissenschaft, Pädagogik und des Öffentlichkeitsrechts engagierte sich Janna für den Zugang zu Bildung unabhängig von sozialer oder geographischer Herkunft und gab Nachhilfe in einer kleinen türkischen Moschee in Kiel. „Vielen dieser wissbegierigen Grundschulkinder wurde damals die Hauptschule empfohlen, obwohl sie deutlich mehr drauf hatten. Ich habe dann alle Familien einzeln abgeklappert, um die Eltern davon zu überzeugen, ihr Kind auf eine bessere Schule zu schicken“, erzählt Janna von dieser Zeit. Sie stand vor einer Aufgabe, für die es unglaubliche Überzeugungskraft brauchte, denn vor allem in muslimischen Kulturkreisen sind Lehrer Autoritätspersonen, deren Rat man nicht widerspricht. „Viele dieser Eltern mussten erst verstehen, dass sie hier durchaus eine Wahl haben, welchen Weg sie ihren Kindern für die Zukunft ebnen wollen.“ Für Janna, die in ihrer eigenen Familie die erste war, die zur Uni ging und studierte, war diese Überzeugungsarbeit eine Herzensangelegenheit – und der Anstoß sich auch weiterhin gezielt im Bereich Bildungsarbeit zu engagieren.

Ohne Mittel zum Erfolg

Bildschirmfoto 2015-07-15 um 12.50.47Schlaufox entstand jedoch nicht aus konkreten Gründungswünschen, sondern aus eben diesem fließenden Engagement heraus, das Janna und auch ihre internationalen Kollegen aus Ländern wie Ghana, dem Iran und Afghanistan schon zu Unizeiten antrieb. Zusammen organisierten sie kleine Projekte im Bereich Ernährungserziehung, Freizeitbetreuung und Bildungsförderung, für die sie auf Honorarbasis bezahlt wurden. Diese Honorare steckten sie in eine gemeinsame Kasse, die nach einem Jahr Arbeit 2009 gerade so viel Geld abwarf, dass eine halbe Stelle für einen gemeinsamen Verein geschaffen werden konnte. Die Stelle bekam Janna, aus einem Grund, der so gar nicht nach schillernder Gründungsphase klingt: sie war die erste, die mit dem Studium fertig wurde und ihre volle Zeit in Schlaufox investieren konnte.

„Ganz am Anfang hatten wir wirklich keinen Penny“, erzählt Janna. „Wir mussten uns alles spenden lassen, vom Telefon bis hin zum kleinsten Kugelschreiber. Unser„Controlling System“ speiste sich dann aus zig chaotischen Excel-Tabellen und ich hatte ganz nebenbei die Zahlen aus 18 Projekten im Kopf sowie sämtliche Fristen, ToDos und Abschlussberichte“, erzählt sie amüsiert. Doch Janna und ihre Kollegen – dying for their education – blieben dran und machten nach und nach Namen wie die Zeit Stiftung, die Körber Stiftung und große Initiativen wie startsocial auf ihren kleinen Verein aufmerksam, der mittlerweile von diversen öffentlichen und privaten Einrichtungen unterstützt wird und mehrfach ausgezeichnet wurde. Neben den 120 ehrenamtlichen Mitarbeitern hat SchlauFox mittlerweile drei festangestellte Mitarbeiter und organisiert 34 Projekte jährlich, darunter z.B. „Ankerlicht“, ein Programm zur schulischen Integration speziell von Flüchtlingen.

Mitgründerin und Geschäftsführerin Janna selbst wuchs mit ihrem Projekt und ihrer Aufgabe. „Immer wieder habe ich mich gefragt, ob ich die Fähigkeit und Expertise habe, auch Chef zu sein – schließlich haben wir alle ganz locker als Freunde gegründet – oder ob ich lieber zu einer großen Stiftung gehen sollte, um erst einmal mehr über Führung zu lernen.“ Heut hat sich diese Frage für Janna erledigt – wenn man die Erfolge von SchlauFox und dem Projekt JEA! sieht, das 95 % der Kids am Ende zum Abschluss führt, versteht wohl jeder, warum.

Dass SchlauFox und das Team seinen Weg trotz vieler Widrigkeiten gegangen ist, liegt aus Jannas Sicht auch darin begründet, dass der Verein, wie sie bescheiden erzählt, immer auch ein wenig Glück hatte und externe Hilfe bekam. Viele Unterstützer, auch aus der Wirtschaft, glaubten an die  Idee und den Einfluss, den sie nehmen würde – von Strategieberatern bis hin zu Bankkaufmännern, die von dem zu Beginn völlig mittellosen Verein im Gegenzug für ihre Unterstützung nur kleine Gesten erwarteten. Ob es nun tatsächlich Glück war, das SchlauFox am Leben hielt, die Notwendigkeit für eine solche Initiative oder das große Engagement mit dem ihre Gründer sie vorantrieben sei dahin gestellt. Sicher ist nur folgendes: am Anfang dieses Zyklus, der Bildung schafft, wo Bildung vonnöten ist, stand ein kritischer Blick auf die Gesellschaft – ein Blick, der eben nur durch  Bildung geprägt werden kann.

www.schlaufox.de

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du SchlauFox helfen möchtest, weiterhin so tolle Projekte auf die Beine zu stellen, indem du deine Expertise zur Verfügung stellst, wie beispielsweise im Bereich Grafikdesign, Ausbildung u.v.m.

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