Kulturkuriere

Tom – The Guitar Hero

 

„Cooler Sound beginnt dort, wo gängige Vorstellungen von einer guten Gitarre aufhören.“ Hinter diesem Postulat steckt ein Bird, der es wissen muss. Der Bird ist Tom Harm. Seine Hände machen aus einem Stück Holz weltweit einmalige E-Gitarren. In einer kleinen Werkstatt auf der Grenze von Schanze und Pauli kombiniert er Hölzer und Metalle, findet eigene Formen und erschafft so Instrumente, die ihresgleichen suchen. „Manchmal schaut das Holz mich regelrecht an und ich weiß, wie es aussehen muss“, beschreibt er seine Bastelleidenschaft. Die Auseinandersetzung mit dem Material ist für Tom Ausdruck purer Kreativität. Nicht durch Zufall tragen seine Unikate verrückte Namen wie Devileye oder Predator – die Formen dieser Modelle haben ihm die Namen inspiriert. Seine Arbeit brachte ihm über die Jahre viele  bekannte Kunden ein, darunter Bands wie Die Ärzte, Slime, Tocotronic und die Hamburger Dark-Rocker Lord of the Lost, mit denen ihn die verrücktesten Projekte verbinden. Die „Keytar“ namens Nora, eine Gitarre mit nur zwei Saiten und integriertem Keyboard, augenzwinkernd getauft auf den Namen der omnipräsenten Kette am Hals von Keytarspieler Thomas Anders, ist nur eines davon.

Flinke Finger, dunkle Sounds

Toms Job als Bauer von E-Gitarren in Hamburg ist das Produkt einer außergewöhnlichen Begabung und der langjährigen Begeisterung für Musik. Die erste Platte – von Suzi Quattro – gab’s von Opa für ein gutes Zeugnis, es folgten eine Punk Rock Phase, der Hafenstraße wildeste Zeiten, Begegnungen mit Industral und Gothic. Eine seiner ersten Freundschaften hat bis heute Bestand: Mit Rodrigo Gonzalez, Mitglied der Ärzte, teilte er nicht nur die eine „erste fiese Kaufhausgitarre“, sondern auch die erste Punkband mit dem klangvollen Namen Massaker. Nach einer Phase getrennter Projekte kamen die beiden erneut für die Band Dorit Tacet zusammen, in der sie die Sounds des Independent und Gothic scheppern ließen, bis Rodrigo das Angebot bekam mit den Rainbirds durch Kanada zu touren.

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Tom begann in anderen Formationen zu spielen und sich zunehmend für die Herstellung des Instrumentes selbst zu begeistern. Seine erster Bass entstand 1978 aus einem alten Regalbrett im Familienkeller. Die erste Gitarre, die auch tatsächlich als solche funktionstüchtig war, nahm 1985  unter vollem jungendlichen Einsatz ihre Formen an: für ihre Lackierung okkupierte Tom die Werkstatt seines Vaters des tagelang und entwickelte soviel Elan, dass er eine Tischlerlehre begann. Die Modelle reiften und der kreative Kopf stieg bei Kollegen ein. Schließlich eröffnete er seine eigene kleine Werkstatt auf dem jetzigen Messegelände. Heute baut Tom in seinem kleinen Hinterhof auf der Schanze mit Vorliebe Bariton-Gitarren, inspiriert von der Musik des Punk, Rock und Industrial, die sein wichtigster Ideengeber bleibt.

Individuelle E-Gitarren in Hamburg

Beim Bau seiner Instrumente verwendet Tom artenschutzgerechte Hölzer wie Ovgankol und berät seine Kunden sanft, wenn sie starre Vorstellungen von der Funktionalität einer Gitarre mitbringen. „Der Kunde soll erst einmal spielen, das Instrument optisch und haptisch wahrnehmen, dann erst macht es Sinn in die Analyse zu gehen“ meint er. Auch er lässt den Eindruck von seinem Gegenüber zuerst wirken, schließlich müsse die Gitarre nicht nur zum musikalischen Stil sondern auch zur Persönlichkeit des Kunden passen. Gravuren und Ornamente sind daher Teil seiner künstlerischen Arbeit, sind individuelle „Tattoos“ die den Charakter eines Menschen auf dem Objekt widerspiegeln können. So mancher Kunde hatte da schon mal ein Tränchen im Auge, als er sein Modell abholte.

Doch nicht immer suchen Musiker ein Instrument, das sie selbst reflektiert. Oft hat Tom es auch mit Illusionen zu tun, nicht ungewöhnlich für die Musikbranche, die vor allem Jugendlichen viel Fläche für Projektionen bietet. Das teure „Signature-Modell“, das Tom vor langer Zeit für Farin Urlaub baute, ist eines der meistverkauftesten Instrumente seiner Werkstatt. „Es gibt Kids die diese Gitarre zum 18. bekommen und andere, die jahrelang ihr Taschengeld auf sie sparen. Für viele junge Ärzte-Fans ist es die Gitarre ihrer Träume“.

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Ein solcher Gedanke bringt Tom zum Schmunzeln. Das liegt wohl an der bestechenden Authentizität mit der er selbst sein Handwerk betreibt. Die Produktion einer Jazz-Gitarre oder der Nachbau der Modelle von großen Namen wie Fender oder Gibson sind für ihn heute undenkbar. Nicht sein Genre. Nicht sein Sound. Nicht seine Formen. Vielleicht liegt es auch daran, dass er selbst nie jemand anders sein wollte. Die handwerkliche Begabung, die ihm zuteil wurde, ist für ihn wie ein Geschenk, für das er dankbar ist. Sie ermöglicht ihm, das Leben zu führen, das er sich wünscht. Ein Leben in dem Arbeit, Bastelspaß und Freizeit sich durchdringen, weil eine Herzensangelegenheit zum Beruf erklärt wurde.

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GIVE AND TAKE:
Tom sucht dich, wenn:

du Räumlichkeiten auf der Schanze, St. Pauli oder in Altona hast, die er als Werkstatt anmieten kann.

Du suchst Tom, wenn:
wenn du Punk- Rock- oder Industrial Musik machst und ein richtig cooles individuelles Instrument brauchst oder deine Gitarre/deinen Bass zur fachkundigen Reparatur bringen musst.