Kulturkuriere

Die HMV – Hamburgs schrägster Fund(us)

Manche Momente haben ihren ganz eigenen Soundtrack. Einen, der nur im eigenen Kopf abläuft. Wenn man vor dem Vorstellungsgespräch mal eben „Eye of the Tiger“ anspielt. Oder wann man Muttis Gemecker kurz mit Beethovens Fünfter übertönt. Wenn ich die Räume der Hanseatischen Materialverwaltung im Oberhafenquartier betrete, spielt mein Kopf das Titelthema aus „Die zauberhafte Welt der Amelie“. Wie in dem Filmklassiker liegt die Schönheit auch hier im Detail. Sie findet sich in den kleinen Besonderheiten der vielen Requisiten aus Film-, Fernseh- und Theaterproduktionen, die in den Räumen ein temporäres Zuhause haben, bevor sie an andere Institutionen weitervermietet werden.

Räume wie aus einer anderen Welt

Alles hier scheint ein wenig entrückt zu sein, ein bisschen aus der Welt gefallen. Jede Perspektive und jeder Winkel ermöglichen neue surreale Momentaufnahmen. Da ist eine überdimensionierte Toilette aus Gips, ein lebensgroßes Banenenkostüm sowie die fleischfressende Pflanze aus „The Little Shop of Horrors“, die von einer Senioren-Theatergruppe abgegeben wurde. Nicht zu vergessen die 100 Diskokugeln, die im Thalia-Theater von der Decke rauschen sollten und letztlich doch keine Verwendung fanden. Dinge also, die in den kühnsten Träumen nicht gemeinsam auftauchen würden. Zumindest nicht in unseren – vielleicht in einem von Klaus Kinski.

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So individuell und voller Charakter wie die Gegenstände im Raum sind auch die Macher, die diesen Ort ins Leben gerufen haben. Jens, der ursprünglich Kommunikationsdesign studierte und lange als Künstler und Handwerker arbeitete und Petra, die als Werbefilmausstatterin tätig war, sind Geschäftsführer und Gründer der ersten Stunde. Alessa, die vor ihrem Einstieg bei der HMV für einen Goldhandel mit Rucksäcken voll Edelmetall durch die Straßen schlich – wir wollten da mal nicht weiter nachhaken – und die gelernte Tischlerin Aneta stießen etwas später dazu.

Das Vorhaben, zwei Hallen mit jeweils 800 qm und 600 qm  in einem noch unbelebten Hafenquartier anzumieten und sie mit originellen, schrägen und ulkigen Gegenständen von Hamburgs Bühnen, Filmsets und Theatern zu füllen, darf wohl ohne Weiteres als eigenwillig bezeichnet werden. Und in Anbetracht der dünn gekochten Fördertöpfe in Deutschland nicht unbedingt als rentabel. Gewagt haben Jens und Petra es 2011 trotzdem  – und damit gutes Geld und viele Freiräume eingetauscht für eine Herzensangelegenheit, die von vielen als „Punkerprojekt“ abgestempelt wurde und für deren Relevanz sich längst nicht so schnell Gehör findet wie für den Bau des neuesten Multiplex-Kinos.

Vom Punkerprojekt zur Institution

Die Idee für das Projekt mit dem bodenständigen Namen, der für traditionelle Wertschätzung steht,  bestand jedoch schon lange bevor die HMV ihre heutige Form annahm. Jens, der sich selbst schon immer gern neue Dinge erschloss und sich unter anderem für seine Live-Malereien das Programmieren selbst beibrachte, knüpfte während seiner Zeit als Künstler verstärkt Kontakte zur Gruppe „FLSHBX“, die später zu den wichtigsten Initiatoren des Gängeviertels gehörte.  Sie errichtete Räume an „Unorten“, an denen sie Gegenstände umfunktionierte und in neue Zusammenhänge setzte, um so auf die Wiederverwertbarkeit von wertvollen Utensilien aufmerksam zu machen. Schon während dieser Zeit kam ihm der Gedanke, eine Art „Zwischenlager“ für zeitweilig ungenutztes Material zu schaffen. Was der kreative Bird damals noch nicht hatte, war ein Ort von relevanter Größe, der all diese spektakulären Dinge beherbergen könnte. Dann fand der Ort ihn.

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Für eine Veranstaltung der Kreativgesellschaft schuf Jens in den heutigen Räumlichkeiten der HMV einen Turm aus historischen Fenstern, der bis unter das Hallendach reichte. Die Kreativgesellschaft, begeistert von seinem künstlerisch-handwerklichen Können und der Idee zur HMV, legte ihm nahe sich für das sogenannte „Interessenbekundungs-Verfahren zur Initialnutzung im Oberhafenquarier“ zu bewerben. Und Jens bekundete. Auf einmal musste alles schnell gehen. Ohne einen Partner, so entschied er, sei das Ganze nicht zu wuppen und er fragte Petra, die sich innerhalb einer Nacht gegen ihr altes Leben und für den Sprung ins kalte Wasser entscheiden sollte. Auch sie sprang. Schon eine Woche später gab es ein Konzept, ein Logo, ein Wappen – und das riesige Abenteuer obendrauf. Heute, vier Jahre danach, stehen die beiden vor einem Haufen Verantwortung. Für die Mitarbeiter, die Räume – und die Zukunft der HMV. „Man wächst mit der Zeit hinein in so ein Großprojekt“, erzählt Jens. „Und auch die Dimensionen um uns herum wachsen natürlich mit. Trotzdem habe ich immer in Erwägung gezogen, dass wir damit auch scheitern können. Unsere Mittel und Möglichkeiten sind begrenzt und der Erfolg des Projektes letztlich nicht nur von unserem eigenen Engagement, sondern dem diverser Akteure abhängig.“

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Jeweils 40.000 Euro haben vier Hamburger Behörden bzw. Institutionen der HMV als Initialförderung zur Verfügung gestellt, später kamen weitere 20.000 Euro von der Kulturbehörde dazu. Man muss kein Mathegenie sein, um sich auszureichen, dass das trotz eigener Einnahmen nicht besonders viel ist, um vier Gehälter, Instandhaltung, und sämtliche Abwicklungen zu bezahlen. Zum Vergleich: das MFTA (Material for the Arts), ein vergleichbarer Fundus in New York, wird zu 80% durch die  Stadt finanziert, der Rest durch Spenden. Ca. 1,5 Millionen Euro fliessen jedes Jahr in das Projekt, damit können jährlich 660 Tonnen Material im Wert von 7 Millionen Dollar aus den Hallen in Long Island City weitervermittelt werden.

Ein Finanzierungskonzept auf wackeligen Beinen

Das Team der HMV stand hingegen Anfang des Jahres vor der Frage, ob das Projekt pleite gehen würde. Eine Crowdfunding-Kampagne sollte helfen, für die die HMV tolle Fürsprecher finden konnte – unter anderem Bjarne Mädel, besser bekannt als der Tatortreiniger, der das Projekt schnoddrig-charmant in der Öffentlichkeit bewarb. Doch trotz der rund 21000 Euro aus der engagierten Community und einem stetig besser laufenden Alltagsgeschäft steht die HMV weiterhin auf wackeligen Beinen.

Ein gangbarer und nachhaltiger Weg der Weiterfinanzierung muss daher schnellstmöglich gefunden werden. Vor allem bis zum nächsten Jahr, in dem eine Nachfolgerin Jens Position übernimmt und er mit Frau und Kind durch Osteuropa reisen wird. Dort will er finden, was ihn – das ist wohl kaum eine Überraschung – besonders reizt: das Abenteuer. Der Versuch. Die Chance, sich Neues zu Eigen zu machen. „Meine Tante sagt immer, ich wär‘ eigentlich ein Dilettant“, erzählt er augenzwinkernd. Da können wir wohl kaum zustimmen, liebe Nelly Ardill. Sonnt wäre hier im Oberhafen wohl kaum eine so faszinierende Welt entstanden. Das darf Hamburg nicht verkennen. Damit das unglaubliche Projekt weiterlebt und der Zauber nicht verloren geht – und auch nicht dessen schöne Melodie.

Zur HMV

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GIVE & TAKE

Das Team der Hanseatische Materialverwaltung sucht dich, wenn:
du jemanden kennst, der zu der Idee passt, der ein Herz für kulturelle Projekte hat, und der bereit ist, das außergewöhnliche Konzept finanziell oder anderweitig zu unterstützten, damit die HMV in Hamburg eine Zukunft hat.

Du suchst das Team der Hanseatischen Materialverwaltung, wenn:
du Requisiten oder Kulissen für eine Theater- oder Schulaufführung oder eine andere Art von Produktion brauchst oder wenn du mal einen Ausflug ins Oberhafenquartier machen und dort in eine verrückte kleine Welt abtauchen möchtest.