Kulturkuriere

Katrin & Mischa – Anderssein vereint

Manchmal begegnet uns ein Gesicht, das wir zu kennen glauben – und dann doch wieder nicht. Und manchmal verhält es sich so auch mit Themen, die unsere Gesellschaft beschäftigen. Um ihre Existenz und Problematik glauben wir zu wissen, ihren Ansprüchen glauben wir im eigenen Leben gerecht zu werden – bis wir merken, dass wir ihre Komplexität nur runter gebrochen haben auf die Facette ihres Gesichtes, die uns am greifbarsten erscheint. Auf einen Teilaspekt, einen Stereotyp, eine verdauliche kleine Einheiten ihres großen Ganzen. In der gesellschaftlichen Debatte steht das Wort Inklusion oft schlicht für den Einbezug von Menschen mit körperlichen Defiziten in das gesellschaftliche Leben. In den Augen des Hamburger Musikerpaares Katrin Wulff und Mischa Gohlke hingegen hat Inklusion einen viel fundamentaleren Anspruch – sie sei keine Spezialkonvention, sondern ein Menschenrecht. Um diesem Anspruch in Deutschland Gehör zu verschaffen, haben sie zu einer sehr außergewöhnlichen und schönen Maßnahme gegriffen: sie produzierten ihren eigenen Inklusions-Song „AndersSein vereint“, in dem es vor allem um diesen ganzheitlichen Aspekt von Inklusion geht – nämlich einfach Mensch sein zu dürfen.

Musik als Herzöffner

Den außergewöhnlichen Song schrieb Sängerin und Songwriterin Katrin schon 2013, dieses Jahr zu Ostern setzten sie ihn im Rahmen ihrer eigenen Kampagne auch als eindringliches Musikvideo um. Im Kraftwerk Bille südlich von Hamburg drehten Katrin und Mischa an zwei Tagen mit rund 80 unkonventionellen, eigenwilligen und bunten Gestalten, die das Projekt aus purer Überzeugung unterstützen wollten – und ohne großes Budget. Das Ergebnis ist ein Musikstück, bei dem die Energie und der Wunsch, die Mitmenschen in ihrem Anderssein anzuerkennen und Gegensätze zu vereinen förmlich spürbar ist.

AndersSein vereint Band & Komparsen _ Foto by Tom Roeler

Im knapp sechsminütige Video zum bunten Crossover-Titel mischen sich diverse künstlerisches Ansätze, Stimmen und Musikrichtungen. Hier rocken Alt-68er mit stimmgewaltigen Blues-Ladies, eingängige Melodien lösen Rap-Texte ab und Masken mischen sich mit einer Vielfalt an schönen, gezeichneten, anmutigen und eigenwilligen Gesichtern – darunter auch ein paar Bekanntheiten der Musikszene wie Orange Blue Sänger Volkan Baydar, Jessy Martens und Rolli-Rapper Graf Fidi. Auch ein Gebärdenchor ist Teil des außergewöhnlichen künstlerischen Konzeptes, das die Vielfalt des Menschseins in all seinen Facetten darstellen will.

„Inklusion wird viel zu häufig auf die Integration von körperlich Behinderten beschränkt und dann im gesellschaftlichen Diskurs scheinemotionalisiert“, meint Gitarrist und Projektinitiator Mischa, der selbst seit seiner Geburt an Taubheit grenzend hörgeschädigt ist und ungeachtet dessen eine Karriere als Musiker, Agenturchef und Gründer verfolgt. „Dabei müssen wir das Thema in unserer komplexen und heterogenen Gesellschaft viel ganzheitlicher betrachten, denn irgendwann ist jeder einmal damit konfrontiert – sei es wenn er beispielsweise an Depressionen oder Burnout erkrankt oder spätestens im Alter, wenn man auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen ist. In diesem Sinne haben wir alle individuelle Behinderungen.“ Der Song ist für die beiden jungen Hamburger die direkteste und authentischste Form auf die Komplexität des Themas aufmerksam zu machen. „Wir glauben an Musik, um Inklusion nachhaltig in den Gedanken der Menschen zu verankern“ erklärt Katrin, deren Stimme den Song durch das Potpourri an Erscheinungen und Begegnungen trägt. „Weil Musik ganz einfach ein Herzöffner ist.“

Zwei Wege zum selben Ziel

Lara Hahnel & 4 Inklusionsprotagonisten
Es war auch die Musik, welche die Herzen der zwei Musiker füreinander öffnete und sie zu ihrem unkonventionellen Projekt brachte. 2011 lernten die beiden Songbirds sich in der Musikschule für Hörgeschädigte von Mischas Vater in Kiel kennen, in der Katrin als Gesangs-Coach arbeitete. Bis dahin hatten die beiden ihren Weg zu einem Leben für die Musik auf ihre individuelle Weise bestritten. Katrin absolvierte nach dem Abitur erst ein Studium im Bereich „Internationaler Tourismus“ und sang in ihrer Freizeit in lokalen Bands und Musicals. Eines Abends stieß sie im Heidelberger „Nachtschicht“ auf das Projekt „The Wright Thing“, in dem neben vielen anderen etablierten Musik- und Gospelgrößen auch Xavier Naidoo jammte. Als sie selber auf die Bühne der talentierten und kreativen Musiker gebeten wurde, kam der Wendepunkt, der aus der anfänglichen Freizeitbeschäftigung den Mittelpunkt von Katrins Lebenswelt machte. Sie schlug einen Weg als Berufsmusikerin ein, tourte  als Sängerin u.a. mit Udo Lindenbergs Projekt „Atlantic Affairs“ bis nach China und arbeitet heute als Musikerin, Gesangs-Coach und an einem kleinen Startup-Projekt im Gesundheitsbereich, das sich mit dem Zusammenspiel von Körper, Kopf und Stimme beschäftigt.

Mischa studierte Angewandte Kulturwissenschaften sowie Kultur- und Medienmanagement, entschied sich jedoch, beides nicht zum Abschluss zu bringen. „Ich habe mich immer ein wenig dagegen gewehrt, dass man in Deutschland für alles ein Zertifikat braucht, um eine Legitimation für seinen Beruf und sein Leben zu erlangen“, erzählt er. „Mir ist es immer schwer gefallen, mich nur einer Sache zu widmen, denn ich bin immer in verschieden Dingen aufgegangen: im Sport, in der Musik und in den vielen gesellschaftlichen Fragen, die mich beschäftigten. All diesen Dingen in meinem Leben einen Platz einzuräumen ist für mich auch ein Stück gelebte Inklusion.“ Noch während des Studium baute Mischa eine eigene Agentur für Musik, Events und Projektmanagement auf und rief im Oktober 2011 seine Initiative „Grenzen sind relativ“ ins Leben, die u. a. Musikunterricht für Hörgeschädigte anbietet. Darüber hinaus gestaltet er sie als eine hybride Plattform für verschiedene Künste, Menschen und Lebenswege, um einen Beitrag zu einem ganzheitlichen Gesellschaftsverständnis zu leisten.

AndersSein vereint Band & Gastsänger _ Foto by Tom Roeler

Es sind vermutlich die eigenen diversifizierten Hintergründe, die bunten und uneinheitliche Lebenswege der beiden, die sie für eben dieses Projekt so hart kämpfen ließen. Trotz der kurzfristigen Absage einer großen Organisation, die den Song in einer deutschlandweiten Kampagne integrieren und vermarkten wollte, glaubten die beiden an die Kraft ihrer Idee sowie an ihre musikalischen wie menschliche Basis und setzten sie allen organisatorischen  und finanziellen Barrieren zum Trotz in die Tat um. Bis heute – denn die beiden sind noch lange nicht am Ende ihrer Geschichte von Inklusion und Integration.

Das Song- und Videoprojekt wollen sie mithilfe von engagierten Lehrern und Schülern als „Aktionstage Inklusion“ in Schulen, Universitäten und Kitas einbinden, auf kultur- und länderübergreifeden Festivals präsentieren und so ganze Erlebniswelten für das Thema schaffen, das sie selbst so sehr berührt. Zudem soll es noch weitere Songs aus ihrer Feder geben. Ganz ehrlich? Wir haben nicht den geringsten Zweifel daran, dass die beiden auch bei ihrer künftigen Reise die Herzen und Gemüter mit ihrer Auffassung der Thematik berühren werden  – denn mit ihren unterschiedlichen Charakteren, ihrer ungewöhnlichen Liebesgeschichte und der Stärke,  Menschen als Menschen  zusammenzuführen sind die beiden selber ein lebendiger Teil ihres Ganzen.

AndersSein vereint – Inklusionssong für Deutschland

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