Kulturkuriere

Matthias – Places to remember

Im November 2015 wird ein verheerender Anschlag in Paris verübt. Ganz Europa zeigt sein Mitgefühl. Nur wenige Stunden nach dem Attentat ziert die französische Flagge die Profil-Bilder sämtlicher Facebook-Mitglieder, tagelang ist das Netz blau-weiß-rot. Nach und nach werden die Flaggen weniger, ein paar Wochen später sind sie gänzlich verschwunden. Der erste große Schock ist verblasst, die öffentlich bekundete Solidarität – plötzlich „on hold“. Wann ist dieser Zeitpunkt gekommen? Der Zeitpunkt, an dem wir entscheiden, öffentlich loszulassen? Wie lange haben solche Geschehnisse und die Erinnerung an deren Schauplätze in unserer Wahrnehmung Bestand? Gilt Orten wie Fukushima, Srebrenica oder Eschede heute noch unser Interesse?

Das Interesse eines Mannes zumindest ist ihnen sicher. Matthias von Knobelsdorf ist eigentlich studierter Jurist und visionärer Kaufmann, der sich aus Begeisterung für die Leica seines Vater autodidaktisch das Fotografieren beibrachte. Seine Neugier richtet sich auf die Orte dieser Welt, deren Geschichten langsam ins Vergessen abrutschen. Psychiatrische Kliniken, in denen einst fragwürdige Experimente stattfanden, eine russische Radaranlage aus dem Kalten Krieg, aber auch der Maidan gehören zu den Schauplätzen, auf die er seine Kamera hält.

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Manche dieser Orte will der 39-Jährige nicht einmal beim Namen nennen, weil seine nicht immer angekündigte Präsenz ihm noch heute Schwierigkeiten mit Behörden oder gar den Regierungen der Länder einhandeln könnte. Von anderen hingegen sind die Bilder öffentlich. So auch von seiner Reise nach Tschernobyl, dessen Katastrophe sich – wer hätte das spontan im Kopf gehabt – in einem Monat zum 30. Mal jährt und für die Ukraine nach wie vor ein massives politisches und wirtschaftliches Problem darstellt.

Ein neues Bewusstsein für „lost places“

„Ich erinnere mich noch sehr genau an damals“, erzählt Matthias. „Ich war in der 4. Klasse und auf einmal durften wir nicht mehr draußen spielen. Als Erwachsener wollte ich diesen Ort immer mit eigenen Augen sehen und erfahren was ihn heute ausmacht. Auf der anderen Seite wollte ich auf gar keinen Fall ein schaulustiger Katastrophenfan sein, sondern Tschernobyl in seinem Kern erfassen und das kollektive Bewusstsein für das Thema wieder stärken.“ So ist der Blick, den Matthias auf Pripyat wirft ein extrem eindringlicher und detailverliebter. Seine Bilder erzählen Geschichten von einem Schauplatz, den die Natur sich langsam zurückerobert, von Momenten und Relikten, über die – zumindest im wörtlichen Sinne – langsam das Gras wächst. Es sind Geschichten einer Welt, in der die Zeit stillzustehen scheint.

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„Ich habe die vertretbare Strahlendosis immer unterschritten.“

Um seine Fotos, die er mit Zeis-Objektiven verschiedener Festbrennweiten schießt, von den verlorenen Bastionen einfangen zu können, muss der Bildkünstler regelmäßig kreativ werden. Nach Tschernobyl reiste er nicht als einer der fragwürdigen Katastrophen-Touristen. Stattdessen überzeugte er einen Offizier, den er in in einer Fernseh-Reportage über den Reaktorunfall gesehen und dessen Kontakt er daraufhin recherchiert hatte, ihm mit den Dokumenten zu helfen. Daraufhin schleuste der Matthias durch die zahlreichen Kontrollstellen und ließ ihn – ausgestattet mit mehreren Geigerzählern – eine Nacht in der Werkskantine des Unglücksortes übernachten. Auch wenn das alles ziemlich verrückt klingt, ist sich Matthias der Gefahren solcher Reisen bewusst. „Ich habe immer sehr genau darauf geachtet, selbst die offiziell vertretbare Strahlendosis deutlich zu unterschreiten“, erklärt er. „Schließlich möchte ich für meine Bilder nicht mein Leben riskieren.“

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Nicht ganz so reibungslos lief es in der ukrainischen Radaranlage Duga-3. Im Kalten Krieg kontrollierte sie SS-20 Raketen und erzeugte das berühmte sowjetische Woodpacker-Signal, das zeitweilig die Rundfunkfrequenzen in ganz Europas störte. Zu ihr verschaffte sich Matthias alternativen Zutritt mit einem Schuss Frechheit und ein paar Türstoppern – und wurde prompt von ein paar ukrainischen Polizisten aufgelesen. Für den Jungen Wilden nichts, was sich nicht bei einem gemeinsamen Wodka und ein paar freundliche-interessierten Worten klären ließe. Recht sollte er behalten. Der kleine „Zwischenfall“ wurde nach ein paar Gläschen Baschkir und einer – believe it or not – mehrstimmigen Version von Hänschenklein in beidseitigem Einvernehmen ad acta gelegt.

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„Die Auseinandersetzung mit einem Ort ist auch immer die Auseinandersetzung mit einem selbst.“

„Natürlich sind das alles Grenzerfahrungen“ erzählt Matthias über seine Erlebnisse. „Aber die Auseinandersetzung mit einem geschichtsträchtigen Ort ist letztlich auch immer eine intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Innern, mit all den Gedanken und Empfindungen, die ein solcher Fleck Erde in einem selbst auslöst. Daher ist sie für mich persönlich ungemein wichtig.“

Seit nicht allzu langer Zeit richtet Matthias die Kamera nicht nur auf die Geschichten hinter den Fassaden sondern auch auf die Charaktere hinter Gesichtern. In seiner Porträtreihe „Kopfkino“, die er 2015 in einer Vernissage im EAST Hotel zeigte, präsentierte er Hamburger Persönlichkeiten auf eine unverblümte, unverstellte und ästhetisch originelle Weise. Die Köpfe von Dagmar Berghoff, Marek Ehrhardt, Zabba Lindner und Michel Ruge tauchen auf den riesigen Abzügen wie aus dem Nichts auf und veranschaulichen das Wesen hinter der Person des öffentlichen Lebens, während das Umfeld in tiefem Schwarz verschwindet. „Mir war es auch bei den Porträts wichtig, den Charakter jenseits des Aussehens einzufangen. Ich wollte den Ausdruck und die Schönheit veranschaulichen, die man eben nicht immer auf den ersten Blick erkennt.“

Zabba Lindner

Zabba Lindner

Dagmar Berghoff

Dagmar Berghoff

Jene versteckte Schönheit, die auch einem Ort wie Tschernobyl bis heute innewohnt, wenn dessen Platz in unseren Köpfen mittlerweile auch anderen Geschehnissen gewichen sein mag. Denn dort leben noch immer die Zeitzeugen und Nachkommen des schrecklichen Unfalls.  Menschen mit eigenen Gesichtern und Geschichten. Menschen die jenen Ort einst – und vielleicht auch noch heute – für ganz bezaubernd hielten.

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