Kulturkuriere

Stephan – Der Herr der Räume

Ein Film, eine Geschichte, jegliche Form der Erzählung bleibt uns in Erinnerung, sofern wir darin einen roten Faden erkennen können. Ein immer wieder kehrendes Element oder Thema, das variiert und sich doch mit einer gewissen Kontinuität durch die Erlebnisse und Begegnungen des Protagonisten spinnt. Eines das Struktur herstellt und Sinn verleiht. Bisweilen zieht sich ein solches Element auch durch die Geschichte eines Lebens.

Obwohl der gelernte Kaufmann für Radio, Fernsehen und Schallplatten Stephan Reifenrath nie eine Karriere als Innenarchitekt angestrebt oder gar gelernt hatte, kehrt die Liebe zu Räumen auf verblüffend auffällige Weise in seiner Geschichte wieder. Sie taucht auf in seiner Suche nach einem Wohnraum in Wilhelmsburg, der seinen ganz persönlichen Vorstellungen einer Lebenswelt entsprechen sollte und den er letztlich in den Wänden einer lichtdurchfluteten alten Klempnerei fand. Sie manifestiert sich in dem Auftrag einer Freundin, die ihrem Innenarchitekten kündigte, weil ihr Stephans individuelle Vorschläge für ihr neues Zuhause schlichtweg mehr entsprachen. Sie spiegelt sich in dem Vertrauen der Sterneköchin Anna Sgroi, die ihm die Umgestaltung ihres Restaurants mitsamt der Küche überließ. Und sie fand ihren vorläufigen Höhepunkt darin, dass er einen vergessenen Ort wiederbelebte, dessen goldene Jahre längst vorüber und dessen Charme so brüchig war wie die Substanz seiner Gemäuer.

Alte Klempnerei Wilhelmsburg

Alte Klempnerei Wilhelmsburg

Ein verlorener Ort erwacht zu neuem Leben

In Wilhelmsburg ließ Stephan Reifenrath im Jahr 2013 für einen Sommer das alte Rialto-Kino wieder aufleben, um den Charme seiner großen Tage für einen Moment lang in die Gegenwart zu überführen. Ein komplettes Jahr Arbeit steckte er in das Projekt, lebte für nichts anderes und rekonstruierte einen gesellschaftlichen Ort, mit dem viele Menschen in Wilhelmsburg in Verbindung gestanden hatten. „Für uns war es wie eine alte Damen zu wecken, die 30 Jahre lange geschlafen hatte, damit alle die sie liebten, sie noch einmal sehen und von ihr Abschied nehmen konnten.“ Die ersten Küsse auf den hinteren Bänken, das süße Popcorn, Samstagabende unter Freunden  – all diese Erinnerungen der Menschen aus dem Stadtteil füllte Stephan für einen kurzen Zeitraum wieder mit Leben, während das Rialto zu einer der buntesten Bühnen der Stadt avancierte. Lesungen und Konzerte fanden hier statt, Filme des Arthaus mischten sich mit großen Blockbustern, die Rocky Horror Picture Show mit Ansätzen der Nouvelle Vague, Harry Rowohlt und Fraktus belebten Ohren und Gespräche.

Rialto-aussenMit einem Team aus 100 freiwilligen Helfern richtete er das längst geschlossene und zerfallene Kino so her, wie es einmal gewesen sein musste – mitsamt der alten Stuhlreihen, der Relikte aus alten Postern und einer Ticketmaschine wie man sie aus der Geburtsstunde des Kinos kennt. Dafür war weit mehr nötig als ein Staubtuch und ein  großer Besen, denn was dem engagierten Team hinter der Fassade das baulichen Fossils begegnete, waren nicht nur Spinnenweben und Staub, sondern ein löchriges Dach, feuchte Wände und jede Menge Schutt.

„Der Zauber des Projektes lag vor allem in dem Schmerz, dass es irgendwann vorbei sein würde“

Die Faszination für Räume begann für Stephan jedoch lange vor dem Tag, als er das marode Kino – um das sich die wildesten Geschichten rankten – zum ersten Mal betrat und es dem Vorbesitzer kurzerhand abkaufte. Schon während er im Bereich Medientechnik arbeitete und ein Geschäft für Highend-Audiolösungen in den Colonnaden betrieb, faszinierte ihn das individuelle Erleben in einer bestimmten Umgebung und Situation. „In der Zeit, als wir Wohnungen mit Klangtechnik ausstatteten, habe ich oft lange in der Ecke eines Raumes gesessen, um zu sehen, wie er wirkt und welche Funktionen man ihm zuführen muss. Denn jeder Raum ist individuell und erfordert eine Lösung, die speziell auf seinen Besitzer zugeschnitten ist“, erzählt er. Zu diesem Zwecke müsse man mit den Menschen sprechen, ihnen zuhören und verstehen was sie ausmacht. „Ich persönlich habe das Glück, dass ich ein Gefühl für Räume habe und zudem gut im sozialen Kontext funktioniere“, erklärt der 48-Jährige, der glaubt, das sich das Erleben eben nicht in eine allgemeine Form pressen lässt.

Und so wurde auch das Rialto zu einem wilden Projekt, dass sich nicht nur einer kulturellen Sparte verschrieb, sondern die Bedürfnisse und Wünsche vieler Hamburger bediente. Einem Projekt, das Kontext herstellte und die Brücke schlug zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen alt und jung, zwischen Unterstützern und Freunden. Sogar Ediths Lagenstein, die 94-Jährige Tochter des Mannes, dem das Rialto in den zwanziger Jahren gehörte, sprach ihm ihren persönlichen Dank aus und inspirierte das Team zu einer Vorführung alter Stummfilme mit einem Stehgeiger wie „Holzapfel“ – dem Mann, der die Filme, die ihr Vater Anfang des vergangen Jahrhunderts zeigte, auf der Violine begleitet hatte.

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Bis im Dezember 2013 dann der letzte Vorhang fiel und das Licht des großen Leuchtschildes am Eingang für immer erlöschen sollte. „Ein großer Teil der Freude und der Schönheit, die das Aufleben des Rialtos für uns alle ausmachte, war der Schmerz, dass es irgendwann vorbei sein würde“, sagt Stephan über das Ende einer Institution, die er nie langfristig zu betreiben gedachte.

Ein Abschied und ein Anfang

Für ihn selbst ist damit eine intensive Zeit zu Ende gegangen, die ihn nicht nur während der aktiven Arbeit an dem Projekt, sondern auch noch in den folgenden Jahren gedanklich beschäftigte. Heute hat er sich auf die Suche nach neuen Aufgaben begeben. Nach neuen Räumen. Eines seiner aktuellen Projekte, das er mit der Initiatorin Marai Schlatermund verfolgt, trägt den Namen „Bordsteinliebe“ und befasst sich mit dem öffentlichen Raum in seiner Heimat Wilhelmsburg. Hier, wo die Gegensätze blühen und die sozialen Strukturen langsam zusammenwachsen, möchte er auf spielerische Weise die Grünflecken verschönern, indem er sie für kleine Wettbewerbe zwischen den Bewohnern ausschreibt. Auch bei diesem Vorhaben gilt es also, den Menschen zuzuhören, ihre Bedürfnisse zu erkennen und sie mit ihrem Umfeld in einen individuellen Kontext zu bringen.

Das Rialto hingegen wird in Kürze abgerissen. Für Stephan Reifenrath ist damit der Moment gekommen, diesen Teil seiner Geschichte endgültig loszuslassen. Denn Abschied hat er genommen. Wie so viele Hamburger mit ihm. Und das mit all dem Respekt, der einer alten Dame gebührt.

In Erinnerung an die Rialto Lichtspiele.

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