Kulturkuriere

Turid – Von Brecht und Burnout

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Einer der berühmtesten Singer-Songwriter Kubas schrieb 1974 einen seiner eigenwilligsten Songs. Er heißt „Sueño con serpientes“ (deutsch: Ich träume von Schlangen) und erzählt auf leicht verrückte Weise von äußeren und inneren Hindernissen, den Widrigkeiten und mehr oder minder charmanten Attacken, die das Leben bereit halten kann – sowie vom persönlichen Kampf dagegen. Der Song beginnt mit einem ins Spanische übersetzte Zitat von Bertolt Brecht: „Die Schwachen kämpfen nicht. Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang. Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Diese sind unentbehrlich.“

Nun möchten wir hier nicht die kubanische Revolution preisen. Auch nicht den Eltern und Großeltern stattgeben, die gelgentlich behaupten, die Generationen X und Y gingen für nichts mehr auf die Straße als für ein bisschen Spaß und wilde Partynächte. Wir wollen nur feststellen, dass es noch immer Menschen gibt, die durchaus bereit sind, für etwas zu kämpfen und ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen. Manchmal auch auf ungewöhnliche Weise.

Turid Müllers Arbeit ist beeinflusst von Brechts sozialkritischen Inszenierungen, die etwas verändern sollten. In dem von ihr gegründeten Theater „WendeMut“, das bisher noch keine eigene Bühne besitzt, bedient die studierte Psychologin und Schauspielerin inhaltlich eine durchaus ungewöhnliche Schnittstelle, nämlich die von Kultur und Stigma, Unterhaltung und Erkenntnis.

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„Die Hemmschwelle muss so niedrig wie möglich sein.“

Ihre Musiktheater- und Kabarettstücke im Stil von Wittenbrink-Liederabenden organisiert sie in Kooperation mit sozialen Institutionen, die ihrem Anliegen mehr Öffentlichkeit verschaffen möchten. In diesen Inszenierungen greift sie Tabu-Themen auf und verarbeitet sie spielerisch und greifbar für das Publikum. Körperliche Erkrankungen, demographischer Wandel und die zunehmenden seelischen Erkrankungen wie beispielsweise Burnout bilden den Kern dieser Aufführungen. „Ich glaube fest daran, dass eine Kunstform wie das Theater in den Köpfen der Menschen etwas verändern kann. Es ist die Kombination von Fakten mit einem emotionalen Erlebnis, die dem Zuschauer einen neuen und anderen Zugang zu schwierigen Fragestellungen erlaubt“, sagt sie über die Vision von WendeMut. Vor allem für komplexen Themen, die noch nicht vollständig im gesellschaftlichen Diskurs angekommen sind, sei es wichtig, eine Medium mit einer niedrigen Hemmstelle zu wählen. Eines wie die Bühne eben.

„Wenn ich sage: ‚ich gehe auf eine Info-Veranstaltung zu Burnout‘ dann ist das schon eine sehr gezielte und offene Beschäftigung mit der Thematik, mit der viele Menschen  sehr zurückhalten sind. Wenn ich hingegen sage‚ dass ich mir eine kritische Theaterinszenzierung anschaue, dann bildet auch der kulturelle Aspekt einen Anreiz. Uns ermöglicht das, ein Publikum anzusprechen, das zu einer rein thematischen Veranstaltung vermutlich nicht kommen würde“, erklärt die 34-Jährige.

An der Burnout-Erkrankung interessieren die Theatermacherin beispielsweise auch Konsequenzen für betreuende Angehörige und Partner, deren eigenes Leiden und schlechte soziale Versorgung selten im Kern der Debatte stehen. Die Inszenierungen von Wendemut werden ergänzt um Tipps und Anleitungen zur Prävention sowie Info-Stände, an denen Interessierte im Anschluss an das Stücke weiterführendes Material finden können.

Eine moderne „Schrägstrichkarriere“

Turids Werdegang ist, wie sie selber sagt, eine moderne „Schrägstrichtkarriere“. Ein Lebensmodell, das sie auf verschiedene Standbeine verteilt hat, um sich dem widmen zu können, was sie am meisten liebt: der Suche nach einem starken und sinnvollen künstlerischen Ausdruck.

Umgangstoene

Schon als Kind beschäftigte sich die Hamburger Deern mit Musik und lernte diese vor allem über Intuition und Gehör verstehen. Nach dem Abitur absolvierte sie ein Schauspielausbildung und begann Psychologie zu studieren. Ihre kreative Seite bediente sie fortlaufend weiter und etablierte sich als Schauspiel-Dozentin, Theaterpädagogin, Sängerin und Autorin. Die Idee, beide Welten zu verbinden und Musiktheaterstücke mit informative-aufrüttelndem Wert zu schaffen kam ihr während des Psychologiestudiums, das sie – begleitet vom bekannten Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun – erfolgreich abschloss. „Eine meiner ersten Inszenierungen auf der Schnittstelle war eine Jubiläumsfeier für ein Hospiz“, erzählt sie von diesen Anfängen. „Man stelle sich das vor. Das war war natürlich in jeder Hinsicht eine Gratwanderung“. Eine schmaler Grat ist auch die Finanzierung einer solchen Idee. Doch von der Initiative startsocial bekam sie für ihr Idee und das Engagement ein Beratungsstipendium, sodass sie 2014 den kleinen Verein gründen konnte, der heute hinter WendeMut steht.

Seit dieser Zeit arbeitet sie neben den kleine Projekten auch an einer großen Inszenierung – einer ungewöhnlichen Mischung aus Musikkaberett, Chansonabend und Sozialkritik – die sie im kommenden Jahr auf diversen größeren Hamburger Bühnen zeigen möchte, um weitere Berührungsängste und innere Barrieren bei den Rezipienten abzubauen. Ganz im Sinne derjenigen, die gegen Schlangen kämpfen. Und sicher auch ein wenig im Sinne von Brecht.

Theater WendeMut

Chanson & Kabarett Turid Müller

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GIVE & TAKE

Turid sucht dich, wenn: du theateraffin bist und Lust hast, dich im und für den Verein des Theater Wendemut zu engagieren. Vor allem Leute mit Orga-Power, die strukturieren und Dinge schnell umsetzen sucht die kleine Gruppe derzeit.

Du suchst Turid, wenn: du ein kleiner oder großer Theater-Fan bist, für den sich Unterhaltung und ernsthafte Aufklärung nicht ausschließen und der sich für Inszenierungen der etwas anderen Art begeistern kann.

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