Kulturkuriere

Anemone & Madita – In bester Erinnerung

heller_störer_vgmn

„Der Tod gehört nun mal zum Leben dazu“, erklärt Mama Gump ihrem Sohn Forrest in dem berühmten Filmklassiker. Es ist ein Gedanke, der eigentlich keinerlei Erklärung bedarf, trotzdem erscheint er heute alles andere als selbstverständlich. Denn in unserer europäischen Welt, in der Bestatter und nicht mehr Familien die Beisetzungen übernehmen, in der Friedhöfe langsam aussterben und Trauer wie ein Husten ist, den es schnell zu kurieren gilt, erscheint der Tod oft  nicht mehr als integraler Bestandteil des Lebens. Er scheint ihm vielmehr fremd geworden zu sein, ein Übel, dessen Konsequenzen wir fürchten oder gar verdrängen, nicht der Rückblick auf eine häufig durchaus erfüllte Reise, die nun zu ihrem Ende gekommen ist.

Anemone Zeim und Madita van Hülsen beschäftigte der Tod und die Frage nach dem Umgang mit ihm schon seit ihrer Kindheit immer wieder, bisweilen so intensiv, dass die beiden Freundinnen 2013 beschlossen, sich gemeinsam als Trauerbegleiterinnen ausbilden zu lassen. Aus der gemeinsamen Fortbildung wurde weit mehr als der Gewinn neuer Kenntnisse. Anfang dieses Jahres gründeten die Moderatorin und die ausgebildete Kommunikationdesignern & Texterin auf der Basis des neuen Wissens eine kleine Firma, deren Leistungsspektrum so gar nicht zur gängigen Hamburger „Kommunikationslandschaft“ passt. Ihre Agentur „Vergiss Mein Nie“ beschäftigt sich mit Trauerkommunikation und möchte den Tod ein Stück weit in den Kontext des Lebens zurückholen, indem sie dem Gedenken und Erinnern einen positiven Rahmen verleiht.

Ein geschützter Raum für die Trauer

„Du bist erst tot, wenn sich niemand mehr an dich erinnert“ steht auf der Glasfront ihres kleinen Geschäftes in der Eimsbüttler Chaussee 71. Es ist nicht nur dieser markante Spruch, der die Aufmerksamkeit von Passanten weckt, sondern auch die Tatsache, dass es überhaupt einen räumlichen Ort für die Arbeit der beiden gibt, deren Angebot sich auf den ersten Blick ausschließlich im Web abbilden ließe. „Trauerarbeit braucht einen sicheren und geschützten Raum, in dem Platz für Tränen und Emotionen, aber auch für ein Lächeln und Gespräche ist“, erklären Anemone und Madita den festen räumlichen Standort. „Es ist daher sehr wichtig, dass die Leute hereinspazieren und uns kennenlernen können, denn gerade bei diesem Thema sollte es keine Berührungsängste geben.“

20150228_004-Carolin_Bohn

Das Zimmer, in dem sie Seminare geben, mit Hinterbliebenen Erinnerungsstücke basteln und Plätze des Gedenkens schaffen, ist – wohl zur Überraschung vieler – alles andere als ein trostloser Ort. Das Interieur und die Broschüren sind in hellem weiß und sanften Farben gehalten, an den Wänden hängen Bilder von Lebensgeschichten, auf dem Tisch steht eine großes Glas mit bunten Zetteln. Es sind niedergeschriebene Erinnerungen, von denen jeder Besucher eine ganz persönliche zum Abschied erhält, wenn er diesen besonderen Ort verlässt. Diesen Ort, den zwei lebensfrohe, wache und engagierte Mädels geschaffen haben, für die der Tod und ein Lachen einander nicht ausschließen.

Hier setzen sich Madita und Anemone auch immer wieder mit Urteilen und Vorurteilen über die Trauer auseinander und versuchen in erster Linie Akzeptanz für den Kummer zu schaffen. „Es gibt Leute, die zu uns kommen und uns ganz verschämt erzählen, dass sie nun schon seit drei Monaten den Tod eines geliebten Menschen betrauern“, erzählt Anemone von den Besuchern. „Der Druck schnell über etwas hinwegkommen zu müssen wird aus unserer Sicht durch unsere enorm schnelllebige Zeit begünstig. Leider funktioniert Trauer aber nicht auf diese Weise – in unsere Welt aus Clouds und High-Speed-Netzen haben Gefühle quasi noch immer die Geschwindigkeit eines 56k-Modems“, veranschaulicht sie den Prozess des Abschiednehmens.

20150228_008-Carolin_Bohn

Trauer, erklären die beiden, sei ein individueller Prozess, für den es keine Richtlinien gebe, keine Vorgaben wie tief und wie lange sie zu sein habe. Tatsächlich kämpfen viele Menschen mit der Herausforderung, den seelischen Schmerz überhaupt zulassen zu dürfen. Denn mit dem Tod hat nun mal nicht jeder Erfahrung. Schnell lassen Trauernde sich daher von wohlwollenden Freunden vorgeben, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen müssen und versuchen möglichst schnell wieder in gewohnte Rhythmen und Abläufe zurückzukehren. Der Anfang der Trauerarbeit beginne aber, so Madita und Anemone, genau dort, wo der Trauernde für sich selbst entscheide, welcher Weg für ihn persönlich der richtige ist.

Dass ein solch individueller Weg schwer zu finden ist, liegt vermutlich auch daran, dass in Deutschland eine Trauerkultur mehr und mehr verloren geht. Längst nicht überall ist das so: in Mexiko beispielsweise wird „El día de los muertos“ – der  Tag der Toten – als fröhliches Volksfest gefeiert, bei dem positive Erinnerungen an die gegangenen Menschen zelebriert werden. Auch die orientalischen Klageweiber waren und sind durchaus wichtige Institutionen, die den Tod in einen kulturellen Kontext setzen und ihm dadurch eine natürliche Präsenz verschaffen, vor der man sich weder fürchten noch abwenden muss. Es sind solche Rituale, die den Hinterbliebenen genau das ermöglichen, was sich bei uns zunehmend als schwierig erweist: den gesunden inneren Abschied vom Verstorbenen.

Energien, die sich ergänzen

Für die beiden außergewöhnlichen Gründerinnen waren es unterschiedliche und sehr persönliche Gründe, die zur intensiven Beschäftigung mit dem Thema führten. Bei Anemone warf der Tod eines engen Familienmitglieds die Frage auf, wie man einem Menschen angemessen und im Sinne des Verstorbenen gedenken kann, bei Madita war es der Verlust eines Freundes in der Schulzeit, den es für sie und die Mitglieder ihres jungen Freundeskreise individuell zu bewältigen galt. So ist der Tod – auch wenn das ein wenig seltsam klingen mag – durchaus ein Aspekt, der die beiden durch ihr Leben begleitet hat.

20150228_006-Carolin_Bohn

Dass Anemone und Madita neben ihrer Arbeit für „Vergiss Mein Nie“ mit ihren Jobs als freie Kreative und als Moderatorin auch zwei vollkommen gewöhnliche Jobs verfolgen, empfinden die beiden keinesfalls als widersprüchlich. „Ich werde häufig darauf angesprochen, wie ich als Trauerbegleiterin arbeiten kann, obwohl ich doch so eine fröhliche Moderatorin bin“ erzählt Madita. „Ich selber glaube, dass meine Trauerarbeit  enorm von meinem Beruf als Moderatorin profitiert, denn die Fröhlichkeit, die ich im Entertainmentbereich auftanke fließt direkt zu den Trauernden, die diese Lebensbejahung wunderbar gebrauchen können. Auf der anderen Seite kann einem aber auch die Hilfe für die Trauernden unheimlich viel Kraft verleihen.“

Wenn es auch keinen vorgeschriebenen Weg für den Verlauf der Trauer gibt, wenn auch die Hilfestellung der beiden den Kummer selbst nicht nehmen kann, so hilft sie doch bei einem wichtigen Aspekt der Bewältigung, der für die Madita und Anemone essenziell ist: dem Versuch nach vorne zu trauern statt nach hinten und den Tod als das anzunehmen was er nun mal ist – ein Teil des Lebens.

www.vergiss-mein-nie.de

————————————-

Anemone & Madita suchen dich, wenn:
du ein Kreativer, Bastler oder Erfinder bist, der sich mit dem Tod von einer anderen Seite beschäftigen und mit den beiden gemeinsame Ideen und Projekte entwickeln und umzusetzen möchte.

Du suchst Anemone & Madita, wenn:
du einen Trauerfall in der Familie, im Freundeskreis oder im Büroumfeld hast und Hilfe in Anspruch nehmen möchtest oder jemanden kennst, der Unterstützung bei der Bewältigung eines Todesfalles braucht.

Kontakt zu Anemone & Madita aufnehmen

Dein Name (Pflichtfeld)

Deine E-Mail-Adresse (Pflichtfeld)

Betreff

Deine Nachricht

Bitte die Zeichen auf dem folgenden Bild eingeben:
captcha