Stilsolisten

Janet – The girl next door

Von Zeit zu Zeit hat wohl jeder mal das Gefühl, dass die eigene Welt ein wenig zu klein geworden ist. Dieselbe Straße, die man jeden Morgen hinunter läuft, der Supermarkt für den täglichen Einkauf, das Café in dem wir stets unseren Kaffee nehmen, die immer gleichen Routinen. So manch einer macht dann vielleicht eine große Reise, wechselt den Job, sucht sich neue Freunde. Andere öffnen ganz einfach einen neuen Frame und das Tor zu einer alternativen Welt – oder gar zu einer anderen Zeit.

Janet Radke lebt in zwei Welten. Und in vielen andern. Neben einer Ausbildung bei der Bundeswehr arbeitet sie unter dem Künstlernamen „Sweet Audrey Hatchet“ als Retro-Pinup-Model für Fotoshootings und Modeaufnahmen. Nur ist arbeiten in diesem Zusammenhang eben nicht das richtige Wort. Denn Janet schlüpft nicht nur in ein Rolle oder in ein Kostüm. Sie füllt das Bild auch in ihrem privaten Leben aus. Gekleidet stets im Stil der 50er Jahre – in Petticoats und Korsagen, mal mit knallrotem Lippenstift, mal mit schneeweiß gefärbten Haaren – tanzt sie Lindy Hop und swingt, richtet sich vollkommen im Stil jener Zeit ein und ist freundschaftlich vernetzt in der weltweiten Rockabilly-Szene, die den Look und die Werte der 50er zum Credo erhebt. Auf ihrer Facebook-Künstlerseite hat Janet dadurch mittlerweile um die 13.000 Fans – Menschen aus der ganzen Welt, die sich für ihre Styles, ihre kreativen Ideen und die Verkörperung dieses stilistischen Ideals begeistern können.

10616066_10152754114742848_1916964729568242595_n-2

Das, was ihre Fans hier zu sehen bekommen, hat erstaunlich wenig damit zu tun, was viele mit dem Begriff „Pinup“ verbinden: sich vor Oldtimern räkelnde Damen, vollbusige und halb nackte Mädchen auf Kärtchen in Männerumkleiden und Trucker-Spinden, Bonbon-Charme und Kulleraugen. „Das leicht verruchte Image von Pinups begann erst Mitte der Sechzigerjahre“, erzählt Janet „als die Hippie-Kultur langsam Einfluss auf die Kunstform bekam. In der Zeit davor war das Pinup-Girl nichts weiter als die Frau von nebenan, die sich Männer auf Reisen oder im Krieg in Erinnerung rufen wollten.“ Eben diese Frau möchte Janet sein. Eine Kunstfigur mit Charakter, mit eigenem Kopf und eigenen Ideen. Und mit einer Botschaft. „Ich möchte mit meinen Auftritten zeigen, dass man sich nicht ausziehen muss, um die Erinnerung an jene Zeit zu leben.“

IMG_147035567804-2

„Ich hatte immer das Gefühl, mir etwas beweisen zu müssen.“

Dass Janet eben diese bodenständige Seite der Pinup-Kunst fasziniert ist im ersten Augenblick ein wenig überraschend. Denn eine ganz gewöhnliche Frau mit einem ganz gewöhnlichen Leben war die Mittdreißigerin nie. Im Gegenteil. Hinter ihrem Auftreten und der Figur, die sie erschaffen hat, steckt eine Persönlichkeit, die sich ihren Weg im Leben hart erkämpft hat. Aufgewachsen in den restriktiven Gesellschaftsstrukturen der ehemaligen DDR, in einer Familie, in der Gewalt an der Tagesordnung war, zog sie mit 15 Jahren aus dem Elternhaus aus und ging allein nach Baden-Baden. Dort begann sie erst eine Lehre als Köchin, dann als Einzelhandelskauffrau und verpflichtete sich mit 21 Jahren für eine Laufbahn bei der Marine. Vier Jahre lang fuhr sie zur See und war u.a. an der OEF-Mission der UN beteiligt, die Piraterie und terroristische Gefahren am Horn von Afrika eingrenzen sollte. „Ich hatte lange im Leben das Gefühl, mir etwas beweisen zu müssen“, sagt sie über ihre Entscheidung, zur Marine zu gehen. „Die Bundeswehr war insofern reizvoll, weil sie mir die Möglichkeit bot, mich in einer Männerdomäne behaupten und durchsetzen zu können.“

Wieder in Deutschland heiratete die heute zweifache Mum und arbeitete eine Weile als Wedding Plannerin, um für die eigene Familie etwas beizusteuern. Den Job dafür schuf sie sich selbst. Durch die Ausbildung als Köchin kannte sie Bankett-Abläufe und stellte in Eigenregie Konzept, Website und Messeauftritte auf die Beine, generierte Kunden und baute sich aus eigener Kraft eine selbstständige Karriere. Ihr Faible für Konzeption und Kreation richtete sich in dieser Zeit auch verstärkt auf die Leidenschaft, die sie schon lange begleitet hatte – den Lifestyle und die Outfits der 50er und 60er Jahre. „Ein wichtiger Teil, der mich an dieser Zeitepoche begeistert, sind eben auch Werte wie Familie, Zusammenhalt, das Einstehen füreinander und das Durchhalten in schwierigen Phasen, das uns heute so oft abhanden kommt.“

1493306_10152293821112848_171195641_o

Dann kam ein Einschnitt. Einige Jahre nach der Geburt des zweiten Kindes ging ihre Ehe auseinander und für Janet begannen extrem harte Jahre als ihre Vergangenheit und die innern Verletzungen ihrer Kindheit sie einzuholen begannen. Drei Jahre lang kämpfte sie mit einer schweren seelischen Erkrankung, nahm in dieser Zeit ganze 50 Kilo zu und versuchte Schritt für Schritt wieder Fuß zu fassen in dem Leben, das ihr nun ein Stück weit entglitten war.

Eine Figur, die Vorbilder schaffen will

Heute hat Janet trotz der gesunden weiblichen Rundungen wieder Kleidergröße S, steht regelmäßig für ihr Shootings vor der Kamera und träumt davon, in die USA zu reisen, um dort bei den bekanntesten Festivals der Rockabilly-Szene dabei zu sein. Die Botschaft von Sweet Audrey Hatchet hat sich durch die schwere Phase in ihrem Leben jedoch verändert. Sie ist noch ein wenig reifer geworden. „Ich möchte den Frauen von heute Mut machen, zu sich selbst zu stehen. Nicht nur zu ihrem Aussehen und zu ihren Rundungen, sondern auch zu den Phasen im Leben, in denen es nicht so gut läuft und mit denen wir alle früher oder später einmal konfrontiert sind. Sweet Audrey Hatchet soll ein Beispiel dafür sein, dass man eine schwere Vergangenheit überwinden und zurück in ein stabiles Leben finden kann.“

An dieser Stelle ihres eigenen Lebens schließt sich für Janet der Kreis zwischen den Idealen einer vergangenen Zeit und ihrem hart erkämpften persönlichen Glück. Hier, wo deutlich wird, dass wir – wie auch immer unsere Welt beschaffen ist oder in wie viele Rollen wir darin schlüpfen – vor allem lernen müssen, uns selbst anzunehmen. Ganz egal ob wir nun ein bunter Vogel sind oder das Mädchen von nebenan.

(Anm. der Redaktion) Das wollten wir Euch nicht vorenthalten:
Janets 8- und 10-Jährige Kids sind sehr stolz auf ihre Mum und ihre Affinität zu Lindy Hop und Swing. Insbesondere ihr Sohn, der in der Schule vor einer Lehrerin begeistert feststellte: „Meine Mum ist Swingerin. Das macht sie die ganze Nacht durch. Bis in den Morgen. Dann wird gewechselt.“

——————————–

GIVE & TAKE

Janet sucht dich, wenn: du Fotograf bist, der mit ihr gemeinsam Fotoaufnahmen gestalten möchte oder wenn du ein Jung-Desinger bist, der klassiche Schnitte und Stücke der 50er und 60er Jahre schneidert und ein passendes Model für ein Shooting sucht.

Du suchst Janet, wenn:
du dich von „Sweet Audrey Hatchet“ mal von den Looks, Styles und Schönheistidealen der 50er Jahre inspierieren lassen willst.