Vollzeitvisionäre

Arnold – Ans Ende seiner Welt

Arnold Schnittger hatte keine anderen Erwartungen an sein Leben als viele andere junger Männer auch. Er wünschte sich ein bisschen Abenteuer, wollte die Welt bereisen. Seine kaufmännische Ausbildung wurde dem Hamburger Jung schnell zu eintönig, sodass er ein Diplom als Segellehrer machte, ein kleines Schiff erwarb und damit den Ärmelkanal und Atlantik bereiste. Von da an träumte er von einer Weltumsegelung und einer Segelschule auf Madeira und verdiente ein paar zusätzliche Groschen, indem er Reiseberichte für Magazine schrieb.

So hätte Arnolds Leben für immer aussehen können. Das Leben, das einem die Bälle oft freundlich zuspielt und einen damit manchmal auch mitten ins Gesicht trifft. Arnold traf es damals ziemlich hart. Denn im Jahr 1994 bekam der heute 64-Jährige einen schwer behinderten Sohn.

„Das einzig Positive an der späten Diagose war, dass wir uns darauf vorbereiten konnten, nie ein ganz normales Leben führen zu können.“

Es war nicht von Anfang an eindeutig. Nico war ein aufgewecktes Kind, fröhlich, lachte viel. Nur motorisch fiel er in der Entwicklung hinter seinen Altersgenossen immer mehr zurück. Die Ärzte sagten, er sei ein Spätzünder. Eine Hoffnung, an der sich Arnold lange festhielt. Nach einem halben Jahr jedoch stand die traurige Diagnose fest: Zerebralparese, entstanden durch einen Sauerstoffmangel in Nicos Gehirn bei der Geburt. Sein Kind, so machten die Ärzte Arnold klar, würde ein Leben lang geistig und körperlich schwer behindert sein. „Das einzig Gute an der späten Diagnose war, dass sie uns die Zeit verschaffte, uns langsam auf die Tatsache vorzubereiten, dass Nico und wir nie ein vermeintlich normales Leben würden führen können“, sagt er im Rückblick.

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Denn Nico wird im System als Pflegestufe Drei kategorisiert. Er sitzt im Rollstuhl, muss über jede Stufe oder Treppe getragen, nachts oft noch gewickelt werden. Eine normale Arbeit wird er nie allein ausführen können. Sein Zustand erfordert Pflege und Betreuung rund um die Uhr. Seit 21 Jahren. So lange kümmert sich Arnold nun bereits um seinen Sohn. Zu Beginn gemeinsam mit Nicos Mutter, als diese jedoch ebenfalls schwer erkrankte, musste er die Verantwortung für seinen „Klabautermann“, wie er ihn liebevoll nennt, zeitweilig allein übernehmen. Den Job als Fotograf von Heißluftballon-Festivals, den ihm die Reisedokumentationen verschafft hatten, gab Arnold auf, um ständig für Nico da zu sein. Schon bald reichte das Geld an vielen Ecken nicht. Irgendwann dann nicht einmal mehr für die Miete.

Dort, wo der Vater in dieser prekären Situation auf Unterstützung hoffte, stieß er auf Gleichgültigkeit. „Als ich damals zum Arbeits- und Sozialamt ging, um Hartz IV und Pflegegeld zu beantragen und den Mitarbeitern schilderte, dass ich aufgrund der Vollzeitpflege meines Sohnes nicht arbeiten konnte, dachte ich eigentlich, dass man mich fragen würde wie man mir helfen könne“, erzählt Arnold.

Doch das Gegenteil war der Fall. Man sagte ihm, dass er trotz der Vollzeit-Pflege für sein Kind letzten Endes arbeitsfähig sei. Man schickte ihn nach Hause. Einer der Mitarbeiter bezeichnete ihn als Schmarotzer. Die sechzig Euro, die ihm unter Hartz IV für den kranken Nico zusätzlich zustanden, musste er vor dem Sozialgericht einklagen. Noch heute ist Arnold erschüttert, wenn er von der Haltung der Ämter damals berichtet. „Ich wollte meinen Sohn im eigenen Haus pflegen und für ihn da sein. Das ist doch für alle Beteiligten sinnvoll, schließlich kostet ein Heimplatz für ein schwer behindertes Kind viele Tausend Euro im Monat. Man hat mich damals jedoch fast dazu genötigt, Nico in ein Heim zu geben.“

Der Weg zu Nicos Farm

Doch das Heim war für ihn nie eine Option. Nico sollte mit Menschen aufwachsen, die ihn liebten, an einem familiären Ort. Und Arnold beschäftigte zunehmend die Frage wie dieser Ort für seinen Sohn aussehen würde, wenn er selbst einmal nicht mehr für ihn da sein könnte. So entwickelte der einstige Abenteuer seine Idee zu Nicos Farm, für die er wenig später auch einen gemeinnützigen Verein gründete. Nicos Farm soll ein Wohnkomplex für bis zu 15 Familien mit behinderten Kindern werden, in dem alle gemeinsam füreinander sorgen und sich umeinander kümmern. An das Grundstück soll auch ein kleines Handwerker-Dorf anschließen, in dem die Kinder Aufgaben finden und Begegnungen mit gesunden Menschen aus der Umgebung erleben können.

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Seit nunmehr sieben Jahren kämpft Arnold für die Umsetzung des Mammut-Projektes und für mehr Verständnis gegenüber pflegenden Angehörigen. Er kämpft auf seine eigene, zugegebenermaßen etwas eigenwillige Art und Weise. In dem Moment, als Nico wieder  Zeit bei der Mutter verbringen konnte, die heute genesen ist, schob er dessen leeren Rollstuhl aus Protest zu Fuß von Hamburg nach Berlin. Um ein ernstes Wörtchen mit der Politik sprechen, wie er zwinkernd erklärt. Als Guido Westerwelle sich den Fauxpas erlaubte, Hartz IV -Empfänger mit dem Begriff „Spätrömische Dekadenz“ zu beschreiben, verklagte Arnold ihn kurzerhand. Eine Klage, die – dessen war sich Arnold voll bewusst – aus juristischer Sicht ein Witz war. Die Medien hingegen lachten nicht. Der „Berliner Kurier“ schrieb plötzlich eine Story über den „Eisernen Hartz IV-Empfänger“, RTL plante eine Gegenüberstellung der beiden vor der Kamera. Arnold willigte ein. Westerwelle nicht.

In den letzten Jahren schob Arnold den Rollstuhl auch mit Nico darin quer durchs Land und forderte lokale Politiker dazu auf, an seinen Wanderungen teilzunehmen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Er wanderte von Hamburg zu Bekannten in Meerbusch in NRW, zuletzt gar von Flensburg bis zum Bodensee. Auf einer dieser Reisen fand er schließlich das Gehör und die Hilfe, die ihm lange verwehrt blieb. Der Bürgermeister einer kleinen Kommune in der Lüneburger Heide wird Nicos Farm ein Grundstück zur Verfügung stellen. Als diese Information die Runde machte, meldete sich plötzlich auch ein Investor, der den ca. sieben bis acht Millionen Euro teuren Gebäudekomplex bauen und an die Familien vermieten wird – lebenslanges Mietrecht eingeschlossen. Anfang 2017 sollen die Bauarbeiten beginnen, im Sommer 2017 könnte der Komplex schon bezugsfertig sein.

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Aus dem Menschen Arnold Schnittger ist über die Jahre ein anderer geworden. Der Abenteurer ist ein Widerständler, der einstige Lebenskünstler heute jemand, der den schwersten Rückschlag seine Lebens für sich angenommen und daraus neuen Sinn geschaffen hat. „Natürlich frage ich mich manchmal, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn Nico nicht behindert gewesen wäre. Letzten Endes sind solche Gedanken jedoch müßig. Denn ich liebe Nico wie er ist. Und wer weiß – vielleicht wäre ich auf meinem nächsten Segeltörn im Atlantik ertrunken.“

Die bisher letzte Reise, die Vater und Sohn gemeinsam antraten, war der Jacobsweg nach Santiago de Compostela. Ein Weg, der die beiden in den Teil Europas führte, den die Kelten Finisterre, das Ende der Welt, nannten. Denn soweit ist Arnold bereit für seinen Sohn zu gehen.

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Nicos Farm

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GIVE & TAKE

Ihr sucht Euch, wenn:
du Familien mit behinderten Kindern kennst oder ihr gar selbst ein behindertes Kind und Interesse habt, in dem neuen Gebäudekomplex einzuziehen. Darüber hinaus sucht Arnold auch immer ehrenamtliche Helfer, die ihm bei Homepagepflege und Newsletter unterstützen und dem kleinen Verein „Nicos Farm“ so ein wenig unter die Arme greifen können.

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