Zeitvergolder

Manuela – Auf den Hund gekommen

Zeitraffer eines ganz gewöhnlichen Lebens: Job-Projekte wie Bälle in der Luft, wilde Hobbys in der Freizeit, verrückte Pläne, große Träume, kleine Sorgen, Vision und Alltag. Ein Leben zwischen Aufgaben und Herausforderungen, unser ganz persönliches „Krieg und Frieden“. Mit welchen Mitteln jedoch erzählt man ein Leben, in dem es viele dieser Herausforderungen nicht gibt oder nie gegeben hat? Weil sein Rhythmus ein völlig anderer ist. Weil es weitestgehend im Stillen stattfindet, hinter Mauern und Zäunen. Welche ernstzunehmende Aufgaben gibt es, um ein Leben zu gestalten, das hinter Gittern spielt?

Manuela Maurer schafft im Gefängnis ein Setting, in dem solche Herausforderungen wachsen können, weil Frauen im Strafvollzug darin eine verantwortungsvolle Aufgabe zukommt. In ihrem Projekt „Hundebande“ bereiten Gefängnisinsassinnen in Kooperation mit einer entsprechenden Schule  Hunde ein Jahr auf ihre Ausbildung als Blindenführer vor. Die Tiere, betreut von einer A- und eine B-Patin im Gefängnis, teilen mit den Damen Zeit und Zelle, 24 Stunden am Tag. Voraussetzung für die Teilnahme an dem Projekt, das derzeit in der JVA Hahnöfersand stattfindet, ist dass die Frauen noch mindestens ein Jahr Reststrafe abzusitzen haben. Das sei zum einen wichtig für die konsequente Ausbildung des Hundes, vor allem aber auch, damit die Frauen eine stabile und tiefgreifende Bindung zu dem Tier aufbauen können. Denn genau diese Bindung ist es, welche ihren Selbstwert regulieren soll, während sie die Verantwortung, die sie übernehmen, an das Tier weitergeben. Für die Gefangenen bedeutet das einen wichtigen Schritt in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und kann in manchen Fällen gar zu einer Vollzugslockerung führen.

„Eine der Mitarbeiterinnen des Gefängnisses sagte einmal, dass durch die Arbeit mit den Hunden viele Störungen der Frauen ein Gesicht bekämen.“

„Es geht uns darum, dass diese Frauen lernen, sich auf die Bedürfnisse eines anderen einzulassen. Viele von ihnen möchten auch einen Teil der Schuld, die sie empfinden, wieder gut machen. Daher ist es wichtig für die Teilnehmerinnen, dass der Hund für eine soziale Aufgabe aufgebaut wird.“ Dass das konsequent geschehe, regele die Institution auch auf gewisse Weise selbst, erklärt Manuela. „Die Regeln unter den Frauen sind ziemlich streng. Man beobachtet sich. Wenn eine von ihnen ihre Aufgaben nicht anständig erledigt oder aus der Reihe tanzt, dann wird das ganz schnell zum Gespräch.“

Dass die Arbeit mit den Tieren einen großen therapeutischen Wert hat, habe vor allem mit Unmittelbarkeit des Kontaktes zwischen Mensch und Tier zu tun, welcher die Persönlichkeitsstrukturen hinter den Fassaden und sozialen Rollen der Insassinnen offenzulegen vermag. „Eine der Mitarbeiterinnen des Gefängnisses sagte einmal zu mir, dass durch die Arbeit mit den Hunden viele Störungen der Frauen ein Gesicht bekämen“, sagt Manuela über die intensiven Begegnungen zwischen den Menschen und Hunden.

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„Viele dieser Menschen hatten oft nicht eine erste Chance im Leben.“

Manuela selbst hat schon viele Menschen gesehen, denen die Chance auf einen Wiedereintritt in das Leben und die Freiheit wie wir sie kennen verwehrt blieb. Im New York der neunziger Jahre, in dem Rudolph Giuliani mit seiner Nulltoleranzstrategie zwar für sichere Straßen, in diesem Zuge jedoch auch für eine sehr konsequente juristische Verfolgung von Delikten sorgte, befasste sich die heute 46-Jährige mit der Wiedereingliederung von überwiegend jugendlichen Straftätern und Drogenabhängigen. Später hospitierte sie für ihre Abschlussarbeit u.a. am Midtown Community Court Manhattan sowie diversen anderen städtischen Einrichtungen. Wieder in Deutschland sorgte Manuela mit einem ressourcenorientierten sozialen Fotografie-Projekt in Wiesbaden für Aufsehen, bei dem sie Wohnungslose mit Einwegkameras ausstattete und sie ihren persönlichen Lebensalltag dokumentieren ließ. Ihre jahrelange soziale Arbeit hat ihren Blick auf gesellschaftliche Fragen geschärft und ihn zu einem kritischen persönlichen Standpunkt gemacht. „Der Begriff Resozialisierung impliziert, dass jemand sozialisiert war, bevor er auf die schiefe Bahn kam. Oft ist es aber anders: Viele dieser Menschen waren nie wirklich sozialisiert. Sie hatten oft nicht eine erste Chance im Leben.“

Um Geld für ihr zweites Studium der Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte aufzubringen und sich einen Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete Manuela eine Zeit lang bei KolleRebbe am Empfang und im Art-Buying. Doch die persönlichen Aufgaben im sozialen Umfeld begannen ihr schnell zu fehlen. Inspiriert von der deutschen Kinokomödie „Underdogs“ von Jan Hinrik Drevs, die das therapeutische Potenzial von Hunden thematisiert, entwickelte sie die Idee zu „Hundbande“, kündigte kurzerhand den Job, schrieb als „One-Woman-Show“ einen Business Plan und kam so an eine Initialförderung der Körber Stiftung.

Integrationsarbeit ganz anders

Doch die Finanzierung ihres Projektes, das zusätzlich auch in einem Männerwohnheim in Altona stattfindet, bleibt für Manuela bis heute ein täglicher Kraftakt. Die Konzentration der städtischen Institutionen auf die Flüchtlingsfragen machen die Suche nach Geldgebern derzeit nicht leichter. „Wir müssen aufpassen, dass sich in Hamburg nicht ein Wettbewerb der Armen gegen die Ärmsten entwickelt“, meint sie, die mit Hundebande täglich an die Türen der Topfverwalter klopft, um für die Integration von Menschen zu werben, an die man bei diesem Stichwort sicher nicht als erstes denkt und die sie trotzdem bitter nötig haben.

Denn auch wenn Manuelas Integrationsweg die Gefangenen nicht unmittelbar aus den Mauern herausführt, schafft er vielen von ihnen doch eine andere Form von Freiheit. Die Freiheit in ihnen selbst, die es ihnen erlaubt, sich wieder als verantwortungsolles Mitglied der Gesellschaft zu sehen und auf ein neues Leben einzustellen. Ein Leben dort, wo die Stille plötzlich aufhört und der Zeitraffer beginnt.

Zur Hundebande

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GIVE & TAKE

Ihr sucht Euch, wenn:
du der Meinung bist, dass die „Hundebande“ ein wichtiges und sinnvolles Projekt ist, das in Hamburg weiterhin Bestand haben und entsprechend gefördert werden soll. Die „Hundebande“ sucht nicht nur nach größeren finanziellen Unterstützern für die Stifung, sondern auch nach Unternehmen oder Partnern, die das Projekt auf kleinerer Ebene unterstützun möchte – beispielsweise durch die Übernahme von Büro- oder Fahrtkosten –  und die damit ihre Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung zeigen möchten.

 

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