Zeitvergolder

Jörn Kerkamm – Die Welt ist nicht genug

Zugegeben: Elmshorn ist – bei aller Liebe zum Umland – nicht mehr so ganz Hamburg. Aber das ist uns jetzt mal egal. Denn diese Geschichte ist einfach zu gut, um hier nicht erzählt zu werden. Es ist die Geschichte von Jörn Kerkamm, der im wahrsten Sinne des Wortes eigene Wege geht. Oder vielmehr befährt. In den abgelegensten Regionen dieser Erde begeistert, verwundert und erstaunt er Menschen mit seinen imposanten und eigenartigen Fahrzeugen. Der handwerklich begabte Kaufmann, der eigentlich längst seinen Ruhestand eingeleitet hatte, baut mit voller Leidenschaft wovon nur wenige Hamburger je gehört haben: Weltreisemobile.

IMG_5517Bei diesem Wort packt der eine oder oder andere gedanklich schon den Campingkocher aus und macht es sich vor dem schicken Wohnmobil am fernen Traumstrand bequem. Diesen einen oder anderen möchten wir aus seinen romantischen Träumen reißen und in die Realität zurückholen. In die 10 Tonnen schwere Realität, um genau zu sein. Denn die Rede ist nicht vom treuen Bulli, sondern von den richtig dicken Brummern. Seine eindrucksvollen Overlander baut der Bastel-Bird mit Fahrgestellen von MAN oder Mercedes-LKWs, die meist Einsatzfahrzeuge im öffentlichen Dienst waren. „Ich bin mittlerweile einer der ersten, der davon hört, wenn in Europa ein gebrauchtes Fahrgestell auf dem Markt landet“ erzählt er.

Auf großen Expeditionen haben diese Allrad-Lkw-Fahrgestelle viele Vorteile, denn durch das Umklappen der Fahrerkabine kommen die Reisenden schnell an die darunter liegende Technik. Auch die Motoren sind auf die variierenden Besonderheiten von Treibstoffen in anderen Länder ausgerichtet: es sind robuste Euro2 oder Euro3-Motoren, die keine AdBlue-Harnstoffe benötigen und deutlich resistenter gegenüber Dieseln sind, welche vielerorts schädliche Schwefelwerte aufweisen. Auf dem Fahrgestell sitzt eine Wohnkabine, die Jörn Kerkamm in seiner eigenen Tischlerei herstellen lässt. Bis zu Temperaturen von minus 30 Grad sind die speziell isolierten Wände frostsicher, das Innere hat alles was man braucht und nicht überall findet: Doppelbett, Sitzgelegenheit, eine kleine Küche und geräumigen Duschen, 500-Liter-Frischwassertanks – you name it. Insgesamt messen die Schwergewichte je nach Modell ungefähr 6,5 m in der Länge 2,4 m in der Breite und 3,6 Meter in der Höhe. Es sind Fahrzeuge für Menschen, die wenn sie Expedition sagen auch Expedition meinen.

Im Overlander um die Welt

IMG_5947 - Kopie„Wir bauen Fahrzeuge für Abenteurer, die nicht von Kopenhagen nach Wien, sondern von Kapstadt nach Wladiwostok touren wollen“ erzählt Jörn Kerkamm bei einem kleinen Rundgang durch seine Werkstatt und Tischlerei. Der Mann weiß, wovon er spricht. Im Jahr 1995 fuhr er mit einem Wohnmobil von Kanada bis Mexiko, im den Jahren 2010 und 2011 bereiste er gemeinsam mit seiner Frau in einem Expeditionsmobil den gesamten südamerikanischen Kontinent. Schließlich brach der Rentner zur Reise seines Lebens auf, die seine aktive Karriere als Hersteller von Weltreisemobilen eigentlich beenden sollte: auf dem Landweg wollte er – unter Einbezug von Fähren – mit seinem Overlander bis nach Australien touren.

Er kam weit. Bis nach Südostasien. Doch das war nicht so weit wie er eigentlich plante. Der Charme eines Lebens nach Jahren der Arbeit und der Verpflichtungen konnten die Leidenschaft, die in ihm brodelte nicht auslöschen. „Auf jeder Reise habe ich mein kleines Oktavheft geführt, in dem ich alles niederschrieb, was es an den Wagen noch zu verbessern galt“ erzählt Kerkamm von seinen Abenteuern. „Die wenigsten Hersteller von solchen Mobilen sind selbst damit unterwegs, sodass sie die zusätzlichen Anforderungen, die durch die Bedingungen vor Ort auftreten, nicht erkennen. Für mich war klar, dass ich in meine Werkstatt zurückkehren muss, um meine Fahrzeuge weiter zu verbessern“. Hier vor Ort in Elmshorn macht Jörn Kerkamm nun wieder genau das, wofür er seit langem brennt und erfüllt sich damit einen Lebenstraum.

Ein geschenkter Traum

IMG_5444 - KopieDabei ist es ein Lebenstraum, der eigentlich gar keiner war. Ein Traum, den er nicht geschaffen hatte, sondern der ihm, sagen wir, von einer öffentlichen Institution geschenkt wurde. In der Elmshorner Innenstadt hatte der gelernte Einzehandelskaufmann eigentlich ein Geschäft für Haushaltsbedarf und Gartenmöbel. Als er seine Location kurzerhand verlassen musste, stand er vor der Aufgabe, schnellstmöglich einen neuen Laden für den Verkauf seiner Gartenmöbel zu finden. Jörn Kerkamm fand, sah und mietete. Auf seinem aktuellen Gelände richtete er sich ein, werkelte, machte alles hübsch. Er war bereit für die große Eröffnung seines Ladens, als sich – nur zwei Wochen vorher – durch ein Gespräch herausstellte, dass die Fläche dem Kfz-Gewerbe unterlag und somit als solche genutzt werden musste. Übersetzt hieß das: ein paar hübsche Autos müssen her. Laster. Irgendwelche  Vehikel – und zwar pronto. Innerhalb einer Woche fand er einen Hersteller, der ihm eine Handvoll Wohnmobile lieferte, die er zwischen seinen Gartenmöbeln platzierte und die sich – zu seiner eigenen Überraschung – auch noch verkauften. Ein Toast auf die Behördengänge!

P1010591Heute verkauft Jörn Kerkamm rund 10-12 Weltreisemobile im Jahr,  die preislich zwischen 180.000 Euro  und 400.000 Euro liegen – und produziert auf Vorrat. Seine Kunden sind Paare in Elternzeit,  Angestellte im Sabattical und Rentner, die sich nach einem arbeitsintensiven Leben Zeit nehmen die Welt zu entdecken. Darunter auch ein paar Wiederholungstäter: Abenteurer, die im Alter ihre wilden Backpackerzeiten aufleben lassen – dieses Mal bitteschön mit ein bisschen mehr Komfort. Wenn Jörn Kerkamm selbst zurückblickt, kann auch er von unvergesslichen Erlebnissen erzählen. Von skurilen Erfahrungen mit Grenzern in Vietnam und Kambodscha, von dem unerklärlichen Gewahrsam seiner gesamten Reisegruppe in Indonesien, von kichernden Teenage-Mädchen im Iran, die sich ihre Tattoos unter den Burkas zeigten. Geschichten, die er und andere Menschen erleben, während sie, getrieben vom Fernweh und den Rädern ihrer Weltreisemobile, die Kontinente dieser Erde erkunden. Was Jörn Kerkamm jedoch im Herzen antreibt, findet er nicht auf den Pfaden dieser Welt – sondern in seiner Werkstatt in Elmshorn.

www.weltreisemobile.de

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du auch einfach mal „Ich bin dann mal weg“ sagen möchtest.