Zeitvergolder

Bianca – Eine Leiche zum Dessert

Bianca Jarske hat eine Leiche im Keller. Um genau zu sein sogar mehrere. Dabei hat sie diese Verbrechen gar nicht begangen. Es waren Morde im Affekt und Handlungen von Serientätern, geplante Vergehen von kalkulierenden Psychopathen und Taten vom immer freundlichen Nachbarn. Das Gute daran ist, dass die passenden Ermittler auch schon parat stehen. Denn in dem kleinen Souterrain im Lehmweg treffen Mord und Lösung direkt aufeinander, in den Geschichten der ganz großen Krimi-Erzähler wie Jussi Adler-Olsen, Jo Nesbo und Stieg Larsson, drapiert zwischen Absperrband, Tatortmarkierungen – und einer großen Apfeltorte mit  Sahne. Denn mit Jussis Krimicafé verfolgt Bianca seit zwei Jahren ein in Hamburg einzigartiges Mischkonzept aus Café und Buchhandlung, die auf skandinavische Krimilektüre spezialisiert ist.

P1020533Eine inhabergeführte Buchhandlung in Zeiten von Thalia und Amazon, noch dazu ein Nischenkonzept mit regional- und genrespezifischem Lesestoff, wo doch allein in Deutschland rund 95.000 Bücher jährlich auf den Markt erscheinen? Erfahrende Ermittler würden das wohl als aussichtslosen Fall bezeichnen, zumindest aus monetärer Perspektive. Ein Buchgeschäft, das sagt Bianca selbst, betreibe man heute eben nicht, wenn man an  Geld interessiert ist. Doch um Geld ging es ihr eben auch nie. Vielmehr wollte die 39-Jährige einen Ort schaffen, an dem Literatur auf Miteinander trifft, Inhalt auf Gespräch, flippige Studenten auf die Eppendorfer High Society. Weil die bunte Crowd, die hier zusammenkommt, letztlich doch etwas gemeinsam hat: die Begeisterung für die erzählerische Dichte und die hochspannenden Plots unserer skandinavischen Nachbarn.

Ein Ort, der wie ein Zuhause ist

„Den großen Buchhandelsketten kann man heute nur etwas entgegensetzen“, sagt der Bücher-Bird, „wenn man ein zusätzliches Angebot schafft, das über den Verkauf von Lektüre hinaus geht. Damit meine ich nicht, einfach eine Cafétheke und einen Barista in einer Buchhandlung zu platzieren, sondern einen Raum zu schaffen, der ein bisschen wie ein Zuhause ist.“ Und in Jussis Krimicafé ist es tatsächlich ein bisschen so wie auf dem eigenen Sofa. In dem kleinen Souterrain finden immer wieder Lesungen von skandinavischen Autoren, Poetry Slams und andere literarische Veranstaltungen statt. Am Sonntagabend zeigt Bianca hier den Tatort, in einer Runde, wie man sie eigentlich nur aus dem eigenen Heim kennt: an großen Tischen kommen hier alle Gäste des Abends zusammen, um bei hausgemachten skandinavischen Speisen zu verfolgen wie Herr Liefers seine Reden schwingt oder Ballauf und Schenk gemeinsam über der Currywurst sinnieren.

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Der Traum eines solch individuellen Konzeptes begleitete Bianca schon lange. Schon als Kind entstand ihre Begeisterung für die Länder Skandinaviens, regelmäßig reiste sie mit den Eltern und ihrer Schwester nach Dänemark. In Deutschland begann sie nach dem Abitur zunächst ein Konzernstudium bei Bertelsmann, hatte jedoch nie direkt mit dem Buchhandel zu tun. Ihre Tätigkeiten lagen in den Bereichen Personal, Assistenz und Vertrieb. „Ich habe ungemein hart und viel gearbeitet“ sagt sie. „Was mir jedoch im Konzern häufig gefehlt hat, war die authentische und aufrichtige Wertschätzung der Arbeit, die man leistet.“

Nach einem Burnout kam für die Gründerin der erste Wendepunkt. Auf der Suche nach einer Veränderung bewarb sie sich auf einen Job in einem Startupunternehmen, das als eines der ersten Druckerpartonen und -zubehör über das Internet vertreib. Hier begegneten ihr zwar flachere Hierarchien, doch es fehlte an Strukturen und mitunter auch an sozialen Kompetenzen der Verantwortlichen. „Als ich weder in einem soliden Konzern noch in einem agilen jungen Startup mein berufliches Glück gefunden habe, war mir klar, dass es Zeit ist, endlich meinem persönlichen Traum nachzugehen“, erzählt sie über die Entscheidung, sich mit Jussis Krimicafé selbstständig zu machen.

„Arbeit steht in Skandinavien längst nicht an erster Stelle.“

Skandinavien diente ihr bei dem Aufbau ihres kleinen Ladens nicht nur in literarischer sondern auch in ideeller Hinsicht als Vorbild. „Die nordischen Länder, insbesondere Schweden, sind ein ganzes Stück weiter als wir Deutschen was die Integration von Familie und Arbeit betrifft“, erzählt sie. „Arbeit steht dort längst nicht an erster Stelle, es ist viel mehr Raum für Familie, Freunde und soziales Beisammensein.“

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So hat der lichtdurchflutete Raum mit dem weißen Interieur und den liebevollen Details tatsächlich viel von dem Lebensgefühl des hohen Nordens. Bianca managt ihn derzeit ganz allein. Mit ihrer Sechstage-Woche, während der sie von der Bedienung im Café und Buchladen über die Warenbestellung und das Backen der Kuchen alles übernimmt, arbeitet sie heute nicht weniger als vorher. Vielleicht sogar mehr. Etwas Grundlegendes hat sich dennoch verändert. Denn heute arbeitet sie für sich und ihr ganz persönliches Ziel. Spaß, Erfüllung und Sinn haben in ihren Alltag Einzug erhalten.

Das spüren auch die Eppendorfer. Auch wenn die Idee, mit der so manch einer zuerst einen Buchverleih verbindet, Erklärungsbedarf hat, wissen viele das Nischenkonzept zu schätzen, das zwischen teuren Designer-Boutiquen und schicken Restaurants ein Stück skandinavische Bodenständigkeit vermittelt. Nicht zuletzt natürlich auch die Frau, die jeden Tag mit einem sympathischen Lächeln hinter der Theke steht. Es braucht keinen Profi-Ermittler, um zu verstehen, warum hier jeder gern auf einen Kaffee vorbeikommt. Oder auf einen knackigen Hakan Nesser. Oder eben auf beides. Case closed.

Jussis Krimi-Café

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GIVE & TAKE

Bianca sucht dich, wenn: du selber Autor oder Autorin bist, spannende Geschichten und Krimis schreibst und Lust hast, deine Texte bei einer Lesung in ihrem familiären Café mit Buchhandlung zu präsentieren und zu diskutieren.

Du suchst Bianca, wenn:
du es so richtig spannend magst – und das beste Bananenbrot in ganz Hamburg probieren möchtest.