Zeitvergolder

Mischa – Surf & Sound

Mischa Göttinger sieht nicht wirklich wie ein Mann aus, der sich für Statistik interessiert. Nicht, wenn man bei dem Stichwort eher Sheldon Cooper aus der Big Bang Theory vor Augen hat. Mit seinen halb langen Haaren, dem sportlichen Outfit und dem frechen Grinsen wirkt er wie der lässige Surfer-Dude, der seine Zeit fein säuberlich auf die Bretter aufteilt, die einem wie ihm die Welt bedeuten: Wakeboards und Snowboards, Kiteboards und Wellenreiter.

Doch Mischa brennt noch für etwas anderes. Etwas, das ihm ermöglicht, seinen Sport aus einer andern, einer kritischen Perspektive zu betrachten. Er ist Notfallmediziner. Die Statistik, die ihn beschäftigt, ist den meisten Menschen so bekannt wie die Namen der fünf Monde des Planeten Pluto. Sie zeigt, dass in Deutschland auf sieben Verkehrstote ein Toter durch Ertrinken kommt. Für ein Land, das gerade mal 2300 Kilometer Küste besitzt – und nicht wie beispielsweise Australien rund 37.000 – ist das vergleichsweise viel.

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Als Mitglied von „Surfing Medicine International“ beschäftigt sich der gebürtige Bayer vor allem mit Präventiv- und Notfallmedizin im Wassersport. Die Organisation – der mittlerweile nicht nur Ärzte sondern auch Paramedics, Physiotherapeuten und Rettungsschwimmer angehören – veranstaltet weltweit Konferenzen und Workshops, um sowohl medizinisches Personal als auch fachfremde Sporttreibende auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.

Nun ist Wassersport in Deutschland natürlich nicht so groß wie Fußball. Doch das Thema gewinnt angesichts der wachsenden Beliebtheit von Kitesurfen hierzulande und der des Wellenreitens weltweit vor allem in Entwicklungsländern an Relevanz. Denn im Wassersport gibt es nun mal kein Stadion, keine Infrastruktur und keinen Müller-Wohlfahrt, der zur Stelle ist. Wer kann denn eigentlich angemessen helfen, wenn es im Wasser zu einem Unfall kommt? Die Antwort auf diese Frage ist so simpel wie erschreckend: in erster Instanz of niemand. „Wir wollen auf die Besonderheiten, Herausforderungen und typischen Verletzungsmuster aufmerksam machen, die Wassersportunfälle bergen und erklären, was in solchen Fällen zu tun ist. Auch und vor allem in den Teilen der Welt, in denen solche Informationen nicht so leicht zugänglich sind wie in unserer Breiten“, erklärt der 36-Jährige.

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„Das Bild des Ertrinkenden, der wild mit den Armen rudert, ist leider vollkommen falsch.“

Die Schwierigkeiten, so Mischa, zeigten sich schon dann, wenn es darum ginge, einen Ertrinkenden zu erkennen. „Das Bild des Opfers, das wild mit den Armen rudert, ist leider vollkommen falsch. Ein Ertrinkender wird ruhig und still, weil der Körper automatisch das vermeintlich Richtige tut und die schwindenden Energien nicht in überflüssige Bewegungsabläufe investiert.“ Auch in Deutschland seien die Informationen zur medizinischen Erstversorgung nicht auf dem neuesten Stand, erklärt der umtriebige Mediziner, der sich derzeit auch als Arzt in Hamburger Flüchtlingsheimen engagiert. Viele der Informationen des DLRG entwickelten sich nicht nach den neuesten medizinischen Erkenntnissen weiter, da die Institution von Ehrenamtlichen lebe, die nicht immer einen medizinischen Fachhintergrund hätten.

Einen kritischen Blick wirft Mischa auch auf die großen Events im Wassersport. „Es ist ein generelles Problem, dass auch bei Veranstaltungen wie dem Kiteworldcup in St. Peter Ording, der jedes Jahr für Massen an Zuschauern sorgt, viel zu wenig geschultes medizinisches Personal vor Ort ist. Das ist insofern erschreckend, da es sich hier um durchaus ertragreiche Maschinerien handelt, für die viele junge Profi-Sportler ihre Gesundheit und damit auch ihr Leben aufs Spiel setzen. Hier muss sich in Zukunft aus meiner Sicht noch vieles ändern.“

Dass der aktive Sportler für seine Profession ebenso brennt wie für seine Quality Time auf dem Wasser, zeigt auch der Weg, der ihn zu der außergewöhnlichen Organisation führte. Vor fünf Jahren entschied er sich, damals noch in der Chirurgie eines Krankenhauses tätig, gemeinsam mit seiner Freundin ein halbes Jahr Auszeit zu nehmen und die Küsten Europas zu surfen. Was für viele nach „Point Break“, den besten Vibes und perfekten Wellen klingen mag, sollte für das Medizinerpaar von Beginn an mehr sein als ein bisschen High Life und Laissez-faire.

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Für die beiden war es die Chance, sich kulturell und fachlich in einem internationalen Umfeld fortzubilden. „Wir haben unseren Trip extra so geplant, dass wir so viele Konzerte, Ausstellungen und Konferenzen wie möglich in Europa mitnehmen konnten.“ In Sagres stießen die Abenteurer auf eine der ersten Konferenzen der Ärztetruppe – die richtige Mischung aus fachlichem Anspruch und gleichgesinnten Sportlern. „Die Notfallmedizin, gerade im Sport, ist für mich noch immer eine der spannendsten Aufgaben im medizinischen Umfeld“, erzählt Mischa. „Du kommst an einen Ort und weißt nicht genau, was passiert ist, musst die Situation ohne Vorbefunde einordnen und lösen. Das ist der Aspekt, der das Ganze so enorm spannend macht.“

„Big-Wave-Surfer in Irland betreiben ein Riskomanagement, an dem sich viele ein Beispiel nehmen können.“

Seither ist Mischa bei den Konferenzen und Seminaren von „Surfing Medicine International“ immer dabei, u.a. in Irland, das mit Mullaghmore einen der wichtigsten Big-Wave-Spots Europas besitzt. Von den Surfgrößen, die es hier mit den ganz großen Brechern aufnehmen, schaut sich der junge Bayer einiges ab. Sollten wir vielleicht auch. Denn die Bigwave-Surfer in Irland, erklärt Mischa, betrieben ein enorm gut kalkuliertes Risikomanagement. Eines, bei dem so mancher Startup-Gründer große Augen kriegen kann. „Die zwei essentiellen Variablen der Risikomatrix sind die Frage danach was passieren kann – der impact – und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass das was passieren kann, auch tatsächlich eintritt. Daraus ergibt sich ein einfaches Modell, mit dem sich nicht nur sportliches Risiko berechnen lässt und auf dessen Basis man sowohl Vorkehrungen als auch Handlungsbedarf ableiten kann“, erklärt er.

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Damit Wassersportler im Falle des Falles auch das Richtige tun können, hat das Team von „Surfing Medicine International“ nun auch eine App entwickelt, die sämtliche Informationen zur Prävention, medizinischen Erstversorgung und Hilfenummern auf der ganzen Welt für Wassersportler bündelt.  Auch an den entlegenen Stränden von Angola. Denn – Statistik hin oder her – ein Risiko ist immer Teil eines Sports. Und im Falle eines Falles ist ganz sicher jeder dankbar, wenn der beste Kumpel auf dem Wasser die Lunge vom Herzen unterscheiden kann.

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Zu den Surfing Doctors

Zum Trailer der App

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GIVE & TAKE:


Mischa sucht Dich, wenn:
du eine sportliche Wasserratte bist, die  sich um die Gefahren und Herausforderungen des Sports bewusst ist und die Information, Wissen und medizinisches Know-How in die Surf-Communities tragen möchte oder wenn du in einem Unternehmen arbeitest, das inhaltich mit diesem Thema verbunden ist und die Surfing Doctors ggf. auch finanziell unterstützen möchte.

Du suchst Mischa, wenn:
du etwas über Notfallmedizin im Wassersport erfahren willst.

 

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