Zeitvergolder

Jen & Hendrik – Trost für die Seele

Verlust und Trauer sperren wir nicht selten weg aus unserer Welt der News-Streams und Buzz-Feeds. Doch wer sich gegen die eigenen Gefühle und Gedanken wehrt, den holen sie bekanntlich mit noch stärkerer Intensität ein. So schaffen sich auch negativ besetzte Emotionen auf ihre Weise immer wieder ihren Platz. In unseren Gemütern. Und auch in unserer Lebenswelt. Magazine und Blogs greifen plötzlich das Thema Trauerarbeit auf, der aktuelle „Stern“ beschäftigt sich in seiner Titelstory damit, wie man mit seinen Eltern über das Alter, den Tod oder schwere Krankheit spricht. Eine Frage, so scheint es, gewinnt zunehmend an Bedeutung: Wie gehen wir, in einer Zeit, in der wir auf alles ständig Zugriff haben, damit um, wenn plötzlich etwas – oder jemand – fehlt?

Ein schweigsamer Begleiter

Ein Ehepaar aus dem Süden Hamburgs hat sich dem Problem auf eine sehr handfeste und liebevolle Weise genähert: Jennifer und Hendrik Lind haben eine Figur erschaffen, die den starken Gefühlen, die durch einen schwerwiegenden Verlust entstehen, eine Projektionsfläche bietet. Die beiden engagierten Birds sind Ideengeber des „mapapu“, einer Puppe, die aus T-Shirts oder anderen Kleidungsstücken eines fehlenden Familienmitglieds genäht wird und dadurch Trost spenden soll. Trost für Menschen, deren Angehörige verstorben sind, Trost aber auch für Kinder, die beispielsweise mit Trennungs- und Scheidungsszenarien konfrontiert sind. In letzteren Fällen wird die Puppe aus T-Shirts beider Eltern zusammengenäht, sodass das Kind – egal wo oder bei wem es gerade ist – immer auch ein Stück des jeweils anderen Elternteils bei sich trägt. „Bei Scheidungen ist der „mapapu“ eine Form, dem Kind zu vermitteln, dass man als Elternpaar zwar getrennte Wege geht, aber in ihm und seinem kleinen Begleiter weiterhin vereint bleibt“, sagt Jennifer über den Zweck der Puppe in diesem Kontext.

Mapapu

Kleidung von Toten oder getrennten Eltern, Erinnerungsstücke, die über die Gerüche eine Brücke in die Vergangenheit schlagen, eine Puppe, die Emotionen von Wut und Trauer eine Projektionsfläche bieten soll – all das klingt nach einem heiklen Weg, Menschen in den schwersten aller Lebenslagen zu begleiten. Tatsächlich ist der „mapapu“ jedoch bereits für viele Menschen ein wichtiger Teil des Trauerprozesses geworden und wird vermehrt auch zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. „Neben Trauerfällen und Scheidungen kommt er beispielsweise bei Borderlinern zum Einsatz, die Schwierigkeiten haben, eigene Persönlichkeitsanteile zu erfassen. Für sie wird eine Puppe aus ihrer eigenen Kleidung genäht. Durch die Möglichkeit, sich selbst „im Außen“ zu greifen, wird ihnen erleichtert, sich auch den Facetten ihres Inneren zu nähern“, erklärt Jennifer.

„Es geht darum, den Emotionen einen sinnvollen Rahmen zu geben“

Dass die Puppe derart gefragt und von therapeutischem Nutzen sein würde, hätten Jennifer und Hendrik selber nie gedacht. Denn es war ursprünglich weder Plan noch Wunsch der beiden, auf ihrer Basis ein Lebens- und Geschäftsmodell zu entwickeln. Die Idee entstand einfach. Zwischen zwei Menschen ohne Bezug zur Trauerarbeit. An einer kleinen Nähmaschine in ihrem eigenen Zuhause. Jen und Hendrik sind mit ihren Kids eine moderne Patchworkfamilie. Beide Partner brachten jeweils ein Kind aus erster Ehe in den neuen Zusammenhalt ein, heute haben sie auch zwei gemeinsame Kinder. Als die Familie sich formte und die älteren Kinder zwischen der neuen Konstellation und den ehemaligen Partner hin- und herzupendeln begannen, stellte sich Jennifer zum ersten Mal die Frage, wie ihr Großer die Mutter präsent haben könne, während er beim Vater war und andersherum. Während ihrer zweiten Schwangerschaft begann sie, den ersten „mapapu“ zu nähen, der zugleich auch Namensgeber war: „mapapu“ ist ein Kurzform für Mama-Papa-Puppe. Kurz darauf machte sie einen weiteren für ein trauerndes Kind, dessen Bruder gerade verstorben war – aus dessen T-Shirts. Die Puppe begleitete und unterstützte den Jungen im Prozess des Abschiednehmens. Und die Anfragen von Menschen mit ähnlichen Schicksalen begannen sich auf einmal zu häufen.

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Eine Befürchtung, dass der „mapapu“ dazu verleiten könne, den Verstorbenen oder Gegangenen nicht richtig loszulassen, scheint keinerlei Basis zu haben. „Es geht letztendlich auch nicht darum, jemanden vollständig aus dem Herzen zu verbannen, sondern seinen Gefühlen einen sinnvollen und gesunden Rahmen zu geben“, meint Jennifer. So werden die „mapapus“ nicht nur geliebt. Sie werden auch angeschrien, beschimpft und zeitweilig gar gehasst – je nachdem, was geschehen ist und in welchem Stadium des Verlustes ihr Besitzer sich gerade befindet.

Geschichten vom Verlust sind Geschichten von Liebe

Wie die beiden selber damit umgehen, täglich von Geschichten der Trauer und Trennung umgeben zu sein und mit den Hinterlassenschaften von verstorbenen Kindern, Väter und Müttern zu arbeiten, ist eine ganz andere Frage. „Viele Leute aus unserem sehr engen Kreise haben uns gesagt, dass es kein Leben sei, sich immerzu mit diesen schmerzhaften Schicksalen zu beschäftigen“, erzählt Hendrik. „Das Interessante daran ist, dass wir das überhaupt nicht so empfinden. Für uns sind es Geschichten von Liebe, die hier erzählt werden und die „mapapus“ eine Chance, eben diese Wertschätzung für den Verstorbenen zu versinnbildlichen“.

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Wie ernst es den beiden mit ihrem Projekt ist und wie engagiert sie es vorantreiben, macht auch der mutige Sprung in die Selbstständigkeit deutlich, den sie damit gewagt haben. Jennifer widmet sich seit ihrer zweiten Schwangerschaft in Vollzeit der Produktion der Puppen, näht 20-30 Stück im Monat. Hendrik hält einen Teilzeitjob in einem Energie-Unternehmen und unterstützt das Projekt in kaufmännischer Hinsicht und in der Vermarktung. „Wir haben durch die Selbstständigkeit erst einmal deutlich weniger Mittel als zuvor. Aber uns ist es das wert“, erzählt der Familienvater. „Wir glauben einfach an das Potential, dass die „mapapus“ als Seelentröster für viele Menschen haben können“, meint er weiter. „Deswegen haben wir auch das Gefühl, das Projekt mit all unserer Kraft vorantreiben zu müssen.“
Um das auch in Zukunft zu tun, planen die beiden diverse Projekte, um noch mehr Menschen mit der Puppe in Berührung zu bringen: Workshops, in denen man seinen „mapapu“ selber nähen kann und weitere Kooperationen mit Psychotherapeuten oder gar mit Krankenkassen sind mögliche Wege. Auch Studien sollen vorangetrieben werden, welche die Wichtigkeit einer Projektionsfläche wie die der „mapapus“ und die kognitiven Zusammenhänge für therapeutische Erfolge untermauern können. Anfragen haben die beiden  jetzt schon mehr, als sie bewerkstelligen können. So groß ist der Bedarf nach einem Begleiter in der Trauer. Einem Begleiter, der stets schweigt und zuhört, den man immer wieder auf’s Neue mit quälenden Fragen und Ängsten belasten kann. Einem, der sich kein Urteil erlaubt und in der Flut der Gefühle und Gedanken nur eines ist: für einen da.

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www.mapapu.de

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GIVE & TAKE:

Jennifer und Hendrik suchen dich, wenn:

du mit Scheidungskindern zu tun hast oder einen „Mediator“, in diesem Fall einen Anwalt, Schulleiter o.ä. kennst, der häufiger mit Kindern aus Trennungsfamilien zu tun hat. Der Hintergrund ist, dass es viele Selbsthilfezirkel für Trauernde gibt, jedoch wenige für Kinder und Jugendliche aus Trennungsfamilien. Jennifer und Hendrik möchten daher gerade hier mit den „mapapus“ helfen. Darüber hinaus suchen die beiden dich, wenn du Lust hast, eine Spendenplattform für Angehörige aus sozial schwächeren Familien ins Leben zu rufen, denen mit einem „mapapu“ oder ähnlichere Unterstützung geholfen werden kann.

Du suchst Jennifer und Hendrik, wenn:

du mit einem Trauerfall konfrontiert bist oder jemanden kennst, der um einen Angehörigen oder Freund trauert und ihm mit einem „mapapu“ helfen möchtest – oder wenn du ein Kind aus einer Scheidungsfamilie kennst / hast, das auf diese Weise unterstützt werden kann.